Tagesspiegel, November 2016

Ein Förster will ein Wildschwein erlegen, ein Radiomoderator ist bereits bester Laune und im „Bierbaum 1“ suchen junge Leute ihr letztes Geld: eine Reise durch Berlin, morgens zwischen fünf und sechs. Von: Karl Grünberg.

Berlin, bei dir ist immer Musike. Nie stehste still. Nie schläfste. Deine Bude ist immer voll, immer ist Party und immer führst du deine täglichen Dramen auf: 105 Geburten, 94 Tote, 18 Scheidungen, 1650 Straftaten und 377 Verkehrsunfälle. Tagein. Tagaus. Von morgens bis abends. Im ewigen Berliner Kreislauf. Immer hektisch, immer atemlos, immer gleich. Oder?

Es gibt einen Zeitpunkt, eine Stunde, einen Moment geschäftiger Stille, da wechselt das Bühnenpersonal der Stadt. Es ist die Zeit, in der die Nacht langsam vergeht, der Tag sich müde erhebt, in der – nicht zu jeder Jahreszeit wortwörtlich, aber immer gefühlt – „Schwarz zu blau“ wird, wovon schon Peter Fox sang: „Guten Morgen Berlin, du kannst so schön hässlich sein, so grässlich und grau…“ 2009 war das.

Berlin. Morgens. Zwischen fünf und sechs.

Das ist, wenn der erste Kaffee auf das letzte Bier und das erste Croissant auf den letzten Döner trifft. Wenn der Blaumann neben der Partyleiche auf den Bus wartet. Wenn die Beats aus den Keller-Clubs auf die nassen Bürgersteige fallen und in den Pfützen ertrinken. Wenn Herrchen mit der Jacke über dem Schlafanzug vom Hund nach draußen in die Dunkelheit gezerrt wird, an den Zaun, wo sich noch kurz zuvor ein Nachtschwärmer erleichtert hat. Pinkel-Time.

Morgens zwischen fünf und sechs: Drei Polizisten der Wache 23 in Spandau fahren auf die letzte Streife ihrer Nachtschicht. Förster Andreas Constien sucht mit Wärmebildkamera und Jagdgewehr nach Grunewalder Wildschweinen. Die Morgenshows der Radiostationen verteilen ihre gute Laune über die Stadt. Bäcker füllen riesige Teigmassen in Brotformen und Konditoren übergießen Mandelkuchen mit Honig. Und Peter öffnet seine Augen.

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Peter rollt auf der Karl-Marx-Straße seine Isomatte zusammen.

Genauer gesagt: Peter versucht, seine Augen zu öffnen. Sie kleben und grienen an den Ecken. Hier, Peter, ein Kaffee! Peter streckt sich. Peter grummelt. Peter ist wach und schaut missmutig in die stille Dunkelheit. Dann piept seine Armbanduhr. Fünf Uhr. Peter muss aufstehen. In Bewegung bleiben. Hauseingänge wie der an der Karl-Marx-Straße in Neukölln sind für ein paar Stunden gut, doch ab fünf Uhr erwacht die Stadt. Also muss auch Peter los, bevor es Ärger gibt, bevor ihn jemand entdeckt. „Unsichtbar bleiben, das kann der Peter gut“, sagt Peter über Peter. Er nimmt den Kaffee, hängt seine Nase rein, zieht eine Pulle Goldbrand aus der Jacke, kippt einen Schluck davon in den Becher, schlürft, verzieht das Gesicht und lächelt.

Peter ist einer von geschätzten 3000 bis 6000 Obdachlosen in Berlin. Nachts, wenn die Straßen leerer sind, fallen sie noch einmal mehr auf. Einer sitzt in seinen Rollstuhl gekauert auf dem Hermannplatz, ein anderer schläft auf einer Bank an der Frankfurter Allee. Ein anderer hat sich ein Matratzenlager unter einer S-Bahnbrücke zwischen den Bahnhöfen Neukölln und Sonnenallee gebaut. Andere haben Zelte aufgestellt, überall da, wo Berlin noch ein paar Lücken lässt für die Menschen, die nur noch in diese Lücken passen.

„Peter kann nicht drinnen schlafen“, sagt Peter, er mag keine geschlossenen Räume, er muss unterwegs sein, er will den Himmel sehen. „Der Peter ist noch ein alter Treber, auf der Suche und unterwegs“, sagt er. Alt? Er überlegt: „45, 46, 47 – weiß nicht genau.“ Peter packt seine Isomatte, seinen Schlafsack, stopft alles in den Rucksack. Peter, warum so eilig? Na, Peter muss sich doch aufwärmen, in der U-Bahn. Und verschwindet zwischen den Spiegelbildern der Straßenlaternen, Reklamen und Scheinwerfer auf dem Asphalt, ein erster Lichtblick in der Fünf-Uhr-Dunkelheit des neuen Tages.

An der Warschauer Brücke hat dieser Tag noch nichts zu suchen. Hier herrscht so kurz vor dem Wochenende noch die Nacht mit ihren unendlichen Versprechen: Rausch und Spaß, Lust und Verlangen. Beats rumsen durch die Wände und Fenster der Clubs auf dem RAW-Gelände. Dealer stehen in den Ecken und verkaufen dosiertes Glück. Der Eintritt an den Club-Türen kostet 10, 13 und 15 Euro, als wäre die Nacht noch lang. Da hilft auch kein Diskutieren mit den Türstehern, denn immer noch ist sie lang, die Schlange derer, die etwas erleben und auf gar keinen Fall Schluss machen wollen. Wie die junge Frau, die jetzt von einer Freundin aus der Hitze des Clubs in die Kälte und Nässe gezogen wird: „Nein, ich will noch bleiben“, ruft sie. „Ich rufe dir ein Taxi“, sagt die andere und zerrt ihre Freundin weiter, raus zur Straße, wo die Taxis stehen.

Eine alte Frau mit Kopftuch schiebt ihr Fahrrad an der Szenerie vorbei, an den Lenkern hängen Jutebeutel voller Pfandflaschen. Was die jungen Leute da treiben, interessiert sie offenkundig nicht. Ihr Blick folgt dem Lichtkegel ihrer Taschenlampe, der hin und her zuckt, auf den Boden, in die Ecken, zu den Mülleimern. Elisabeth heißt sie, und das ist ihr Job. „Morgens ist die Konkurrenz nicht so groß“, sagt sie. „Man muss nur wissen, wo es sich lohnt zu sammeln.“ Seit drei Uhr ist sie unterwegs, solange, bis die ersten Supermärkte öffnen. In ihren Tüten hat sie einen Flaschenwert von 7,20 Euro, sie rechnet immer gleich mit. „Kein Mitleid, es ist, wie es ist, und es ist in Ordnung.“

U-Bahnhof Warschauer Straße, Kiosk, die Kaffeemaschine spuckt Cappuccino für einen Blaumann aus, den Zollstock in der Beintasche, die Schuhe mit Farbe bekleckst, sein Gesicht noch grau. Für ihn beginnt der Tag, und der Sound dazu scheppert aus den Kiosk-Boxen. Es sind die megafröhlichen Ansagen der megafröhlichen Morgenshow-Moderatoren. Morgens um fünf legen sie los. Ob Radio 1, Energy, 88.8 oder BB Radio. Ab dann ist Gute-Laune-Zeit.

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Radiomoderator Marcus Kaiser vom BB-Radio. Ab um 5 Uhr gibt’s hier Adrenalin und gute Laune. Foto: Karl Grünberg

Was da an der Warschauer Straße aus dem Äther kommt, wird im Studio des BB-Radios in der Medienstadt Babelsberg produziert, wo gerade die letzten Nachrichtensekunden laufen. Marcus Kaiser hebt die Hand. Hochkonzentriert. Gleich sind er und seine Kollegen Maria und Benni auf Sendung.

3,2,1.

„GUTEN MORGEN.“

„LOS, LOS, RAUS AUS DEN BETTEN.“

„ZEIT, AUFZUSTEHEN!!!“

Die drei klingen wie Rennautos vor der Startlinie: WRRRUM, WRRRUM, WRRRUM, jetzt geht’s LOOOOOS.

Profis sind sie und ihre Abläufe einstudiert. Per Augensignal oder Handzeichen gibt Marcus Kaiser an, wer als nächstes spricht, er „fährt die Sendung“, so heißt es im Radiojargon. Im Ablaufplan auf seinem Monitor schiebt er Einspieler und Soundbytes hin und her. Holt rein, was er braucht, schmeißt weg, was er gesendet hat.

Kaiser ist 45, die Morgenshow ist sein Metier, seit 1992 sendet er, bei Kiss-FM, beim R.S.2, beim BB Radio. Es ist ein kleines Studio, ein paar Quadratmeter, nur er, seine zwei Mitmoderatoren und die Mikrofone. Keiner seiner Zuhörer sieht ihn. Doch er gibt sich, als ob er auf der Waldbühne eine Solonummer aufführt. Breitbeinig und gerade steht er da. Lacht laut auf, gestikuliert. Die Haare nach hinten gegelt, ein stets gewinnendes Lächeln im Gesicht und wenn er redet, vibriert jede Silbe vor Lust ausgesprochen zu werden. Ein echter Entertainer.

Egal, wie müde er ist. Egal, wie spät oder früh es ist. Live ist live. Sobald die Lampe am Mikrofon rot leuchtet, sind sie auf Sendung und katapultieren in Echtzeit ihre Stimmen in unzählige Auto- und Küchenradios, in Büros und Werkstätten, in Kioske und Bäckereien. Bloß nicht stocken, bloß keine Stille, bloß nicht verhaspeln, und immer noch einen Witz drauflegen. Fünf Stunden lang. Da braucht man gar keinen Kaffee, da rauscht das Adrenalin automatisch durch den Körper. Und sie halten diese Gummi-Bärchen-Energy-Drink-Stimmung aufrecht, auch wenn die Mikros aus sind, wenn Musik läuft, ein Gewinnspiel oder der Nachrichtenblock.

„Gute Laune vortäuschen, das funktioniert nicht. Das kann man nicht durchhalten. Morgen für Morgen. Die Hörer würden das merken. Man muss wirklich so ein Spaßmacher sein“, sagt Marcus Kaiser, der jetzt eine kurze Pause nutzt und schnell erzählt: Seinen Familienalltag mit Frau und Kind habe er auf die ungewöhnlichen Arbeitszeiten ausgerichtet. Die Kunst sei es, früh ins Bett zu gehen. Das Schöne: die Stadt, zumindest am Morgen, für sich und an den Nachmittagen frei zu haben.

Schon wieder Nachrichten, schon wieder Wetter. Kaiser muss sich bereit machen, es läuft bereits die Verkehrsdurchsage: „A100, Fahrtrichtung Nord, ein defekter LKW blockiert im Tunnel Ortsteil Britz die rechte Spur, Anschlussstelle Buschkrugallee gesperrt.“

 

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Was wir im Radio nicht erfahren: Es ist ein weißer LKW liegengeblieben, ein Kühllastwagen. Exakt um 5.47 Uhr wird er auf den Monitoren der Berliner Verkehrsregelungszentrale auffällig, die Mitarbeiterin meldet ihn den Kollegen der Autobahnpolizei und drückt gleichzeitig den Befehl zur Sperrung der Auffahrt in die Tastatur. Ab 5.48 Uhr hat Berlin an diesem Tag seinen ersten Stau und die Radiostationen ihre nächste Verkehrsmeldung.

Wer sehen möchte, wie der Verkehr erwacht, wie sich die Autobahnen langsam füllen, wie Spuren gesperrt und wieder freigegeben werden, wie die Abstände zwischen den Scheinwerfern kürzer werden, der muss zu den Wächtern der Berliner Straßen gehen. Verkehrsregelzentrale, 5. Stock, Gebäude B2, im einstigen Terminalgebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof. In den Hallen darunter schlafen Tausende von Flüchtlingen, in den Etagen darüber basteln Start-ups an ihrer großen Zukunft, aber hier in der fünften Etage wachen fünf Menschen, darunter zwei Polizisten, über die 2100 Berliner Ampelanlagen, über elf Tunnelanlagen der Berliner Autobahn, über die Verkehrslenkung bei Staatsbesuchen, Unfällen und Demonstrationen.

Doch bevor wir in die Details gehen: Dieser Raum! Dutzende Monitore leuchten in die Dunkelheit. Sie zeigen die einzelnen Autobahnabschnitte und darauf die Autos, die ihre Besitzer zur Arbeit steuern. Überall flackert und blinkt es. Angezogen wird der Blick des Besuchers aber vor allem von einer riesigen digitalen Berlin-Karte, auf der die Ampelanlagen der gesamten Stadt verzeichnet sind. Grün, wenn alles funktioniert. Rot, wenn es eine Störung gibt. Optisch ist so viel los, dass die Stille geradezu auffällt: ein bisschen technisches Brummen, manchmal klingelt das Telefon, selten murmelt jemand etwas zum Kollegen.

„Ab 5.30 Uhr wacht Berlin auf, Minute für Minute wird es mehr, und ab 6.30 Uhr sind sie alle draußen, dann geht’s rund“, sagt Volker Gleich, der – seit 21 Jahren hier – heute Schichtleiter ist. Wenn morgens die ersten Auto-Lawinen losrollen, ist es sein Job, die Tunnel der Autobahn freizuhalten. Hört sich einfach an. Doch bei 200 000 Autos, die täglich über die A 100 fahren und damit den Stadtring zu einer der meistbefahrenen Straßen Deutschlands machen, sind zur Rush-Hour schnelle Reaktionen gefordert. Droht ein Stau in den Tunneln, sehen sie das auf den Monitoren und sperren per Knopfdruck eine der Fahrbahnen, damit weniger Autos in den Tunnel fahren. „Natürlich stockt es sich dann weiter hinten, aber die Sicherheit geht vor. Feuer in einem vollgestopften Tunnel wäre eine Katastrophe“, sagt Volker Gleich. Hilft alles nichts, sperren sie schon einmal den ganzen Tunnel.

Manchmal kann Volker Gleich nur zusehen, wie an diesem einen Morgen im Mai 2007: als um sechs Uhr auf der Rudolf-Wissel-Brücke plötzlich der Verkehr stockte; als er stutzig wurde, die Kameras drehte und zoomte. Und dann Teile eines Motorrads auf der Fahrbahn sah, 100 Meter weiter und im Blickfeld einer anderen Kamera, wie jemand einen Körper mit einer Decke bedeckte. Einen Körper ohne Kopf. Etwas weiter hinten entdeckte Volker Gleich auch den Motorradhelm, doch das wollte er sich gar nicht mehr ansehen. Sofort sperrte er die Autobahnen, informierte Polizei und Rettungskräfte. „Ich war so weit weg und trotzdem so nah dran. Ein hilfloser Zuschauer.“

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Ausschau halten im Wald. Auf der Suche nach dem Wildschwein. Förster Constien frühmorgens bei der Arbeit. Foto: Karl Grünberg

Höchste Zeit, der Stadt für einen Moment den Rücken zu kehren. Im Grunewald scheint der Unfalltod ganz fern. Hier ist es still und einsam. Niemand da.

Nicht ganz: Mäuse, Vögel und ein Mann sind unterwegs. Es ist der Förster Andreas Constien mit seiner Wärmebildkamera und seinem Jagdgewehr. „Irgendwo hinter den Bäumen haben sie sich versteckt, die Wildschweine. Die wissen, dass jetzt der Constien kommt“, sagt er. Eines muss heute dran glauben. Eines von 150 Wildschweinen, die er in dieser Saison in seinem Revier rund um den Schlachtensee und der Krummen Lanke noch erlegen muss. Muss, weil sich die Wildschweine vermehren und vermehren, und wenn er ihnen nicht Einhalt gebietet, dann hat er im nächsten Jahr doppelt so viele, und die machen ihm den Wald kaputt und steigen in die Vorgärten, sagt Andreas Constien.

Ein Mann, eine Mission und kein Wildschwein. Andreas Constien braust jetzt mit seinem Förster-Gelände-Wagen auf schmalen Wegen durch den Wald. Die Scheinwerfer fressen sich durch die Dunkelheit. Äste krachen gegen die Seitenfenster. Er sucht all die Stellen ab, von denen er weiß, dass die Wildschweine sie mögen. Jetzt hält er an, steigt aus und zeigt auf den Boden. „Schon wieder alles aufgewühlt, diese Saubande. Wenn jetzt hier gleich Schweine auftauchen, kriegen die richtig Ärger mit mir“, ruft er, nur um gleich darauf ganz still zu werden und mit der Wärmekamera in den dunklen Wald hineinzuschwenken. Rechts, links, sieht Vögel, sieht Blätter, sieht Mäuse, sieht Kaninchen, aber keine Schweine. Constien steht, wartet, lauscht, dann nimmt er einen tiefen Atemzug und noch einen. Die Jagdanspannung fällt von ihm ab, der Jäger wird umgehend zum Schwärmer: „Am Tag ist hier alles voller Hunde und Menschen. Jetzt höre, rieche und fühle ich den Wald. Werde eins mit ihm. Ein fast schon mystischer Moment.“

Hätte er an diesem Morgen Schwein gehabt und ein Schwein gefunden, hätte er sich angepirscht und den Abzug seines Gewehrs gedrückt. Dann wäre eine kleine Kugel hervorgeschossen, mit 1000 Metern pro Sekunde, und hätte weiter hinten den Schweinekörper durchschlagen. Förster Constien hätte ihn dann ins Auto gelegt und in sein Forsthaus gefahren. Dort hätte er den Bauch aufgeschnitten und die Innereien ausgenommen. Schließlich hätte er noch Proben ins Labor schicken müssen, wegen Parasitenbefall, wäre ja möglich. Doch heute hat sie Glück, die Saubande, heute gewinnen die Schwarzkittel und Constien hat mit seinen freundlichen Augen hinter rahmenloser Brille das Nachsehen. Er atmet noch einmal kräftig durch. Dieser Waldduft: nass, erdig, würzig. Und selbst um diese Zeit belebend.

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Konditor Michael Wild, um 2 Uhr aufstehen, ab um 3 Uhr Kuchen backen. Foto: Karl Grünberg

Auch in einer Backstube in Neukölln duftet es, nur ganz anders als im Wald: Es ist kein Duft, den man einsaugt und sich dann erfrischt fühlt. Es ist ein Duft zum Drin-Baden, zum Reinlegen und Ausschlecken. In den heißen, trockenen Räumen, in denen vier Menschen mit schnellen Bewegungen kneten, rühren, wiegen, formen und verzieren, riecht es nach Croissants, nach Schokoüberzug, nach Aprikosengelee.

Willkommen im Mehlwurm, einer der wenigen Berliner Bäckereien, in der sie noch alles selber machen. Und in der gerade eine säuerliche Note in den süßlichen Dunst zieht – sehr zum Missfallen von Michael Wild: „Ich hasse Sauerteig. Dieses Durchdringende, Milchige – bäh! Ich meine, zur Not könnte ich natürlich auch ein Brot backen, aber das ist wirklich nicht meins. Deswegen bin ich auch Konditor geworden.“ Wild wuchtet die Ofenklappe auf, holt einen Kuchen nach dem anderen aus dem Ofen, Himbeerquark fürs Wochenende.

Seit 16 Jahren ist er Konditor, seit 16 Jahren steht er um zwei Uhr morgens auf, macht sich fertig und fährt zur Arbeit. Im Sommer mit dem Fahrrad durch die Nacht und im Winter mit dem Nachtbus, von Schöneberg zum Hermannplatz. Um ihn herum meist fröhliche, aggressive oder stille Betrunkenheit, und er mittendrin mit seinem Kaffee und dem Versuch, wach zu werden. Arbeitsbeginn: drei Uhr. Zwischen fünf und sechs Uhr wird’s hektisch. Die Zeit drängt, denn um 7.10 Uhr kommen die Fahrer, die die ersten Ladungen Brote, Brötchen, Croissants, Kuchen und gefüllte Apfeltaschen in die Bioläden und Cafés der Stadt liefern.

„Bei uns gibt es keine fertigen Mehlmischungen, keine fertigen Teigübergüsse, keine vorgeraspelten Nüsse“, sagt Michael Wild. Ist da Stolz in seiner Stimme? Da ist Stolz in seiner Stimme! Stolz auf die Handwerkskunst, auf das Experimentieren und Ausprobieren. Stolz auf das, was er da erschafft.

Doch jetzt weiter, der Nase nach, zum Sauerteig: Im Nachbarraum klatschen Rohlinge auf Metalltische, da summen Rührgeräte, rumsen Ofenklappen auf und zu, klackern Bleche. Drei Bäcker arbeiten am Brot und führen nebenbei ein Perkussionsstück auf. Eine Aufgabe jagt die andere, es geht Schlag auf Schlag in diesem kleinen, in sich geschlossenen Kosmos der emsigen Geschäftigkeit. Zwischendurch geht immer wieder der Blick zur Uhr: Was macht die Zeit? Sind die Baguettes schon fertig? Kann das Brot in den Ofen? Zwei Bäckerinnen teilen einen großen Teighaufen in kleinere Portionen, wiegen sie und füllen sie dann in die Brotformen. Kaum damit fertig, vermischen sie verschiedene Mehle und rühren einen neuen Teig. Zeit für Fragen? Man sieht doch, was hier los ist!

Während die Bäcker den Teig bearbeiten, während Förster Constien auf Jagd geht, während Volker Gleich die Ampeln und Autobahntunnel bewacht, steigen in Spandau drei Polizisten der Wache 23 in ihren Streifenwagen. Der Regen schlägt auf die Windschutzscheibe. Die Farben der Straßenlichter funkeln in den abperlenden Tropfen. Es ist die letzte Stunde ihrer Nachtschicht. Das letzte Mal rausfahren, bevor es hell wird. Durch das Funkgerät rauschen knappe Durchsagen des Polizeifunks. Still ist es auf den Straßen von Spandau. Still ist es ansonsten im Wagen. Doch die Ruhe ist trügerisch. „Man weiß nicht, was einen erwartet. Nicht zu Dienstbeginn. Nicht, wenn man zum Einsatzort fährt“, sagt der Polizeikommissar. Das ist nichts Schlechtes: Je abwechslungsreicher die Einsätze, desto besser. Je mehr sie erleben, desto spannender. Und in Spandau ist auch alles dabei, von Villen bis zu Problemvierteln. Da können sie auf einem ausufernden Seegrundstück stehen und den Professor und seine Cocktailparty auf die Ruhestörung hinweisen und dann plötzlich zu einem Kiosk gerufen werden, an dem Trinker sich gegenseitig verprügelt haben.

Nur diese letzte Dienststunde ist schwierig. Zum einen ist da die Müdigkeit, den Abend und die Nacht durchgehalten, seit 20 Uhr im Dienst, und dann kurz vor Schluss, kurz vor Morgengrauen, noch einmal alles mobilisieren, wenn nötig. Zum anderen sind da die Überstunden. Wenn um kurz vor sechs noch ein Fall reinkommt, dann begleiten sie den, bis die Arbeit erledigt ist. Da kommen schon mal zwei oder drei Extrastunden zusammen. Der Blick aufs Funkgerät: Nein, das hat nichts mit ihnen zu tun.

Philipp heißt der Polizeikommissar, 28 Jahre ist er alt, und einen Nachnamen hat er auch, doch er ist unsicher, ob er den sagen möchte. Ein unbestimmtes Gefühl, eine Sorge, zur Zielscheibe zu werden, deswegen bitte auch keine Fotos, auf denen er und seine jüngeren Kollegen zu erkennen sind.

Kiosk-Überfälle, Einbrüche, gesprengte Fahrkarten- oder Bankautomaten und die ersten Unfälle, das passiert zu dieser Uhrzeit am häufigsten. Plötzlich ein Funkspruch: ein brennender PKW auf der Heerstraße. Philipps Kollege schaltet die Sirene an, dann wenden sie und schießen los. Die anderen Autofahrer fahren rechts ran, die wenigen Fußgänger schauen hoch. Doch hier drinnen im Wagen hört sich das „Tatütata“ seltsam leise und entrückt an. Das Blaulicht taucht die vorbeirasenden Bäume, Autos, Häuser in eine nervöse Helligkeit. Adrenalin und Spannung pushen den Körper. Was wird am Einsatzort sein? Ist es ein Unfall, eine Brandstiftung oder einfach nur ein technischer Defekt? Werden sie noch jemanden jagen müssen? Das ist dieses Nicht-Wissen, von dem Philipp sprach. Nicht zu wissen, was kommt, das macht es aufregend, aber auch unberechenbar.

Die Flammen schießen hoch in den dunklen Himmel. Der Motorraum des Mercedes brennt, die Reifen brennen, das Auto nebenan fängt auch Feuer. Die Feuerwehr, die schon vorher da war, greift an und legt einen Schaumteppich über alles. Sie sprüht und sprüht. So lange, bis die Flammen erlöschen, nur noch weißer Rauch aufsteigt und sich in den Bäumen verfängt.

Philipp und seine Kollegen schauen sich den Wagen genauer an. Inspizieren die Reifen, den Motorraum. Brandstiftung oder nicht? Sie können es nicht beurteilen. Philipp funkt mit der Zentrale und fordert ein Team von der Kriminalpolizei an, die sollen klären, was war. Schon ist es sechs Uhr und eigentlich wäre jetzt Dienstschluss. Doch sie werden hier noch eine Weile warten müssen, dann auf die Wache fahren und die Schreibtischarbeit erledigen. Irgendwann später, wenn es schon längst hell geworden ist, können sie Feierabend machen – und sich wieder ein paar Überstunden aufschreiben.

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Seit 30 Jahren fährt sie die U7. Frühs, abends, nachts. Nichts, was sie nicht schon gesehen hat. Foto: Karl Grünberg

Zurück in die Stadt. Mit der U7. Die hat 40 Stationen, 31,8 Kilometer Gleise, und ist damit die längste U-Bahnstrecke Berlins. 56 Minuten bis nach Rudow und 56 Minuten wieder zurück nach Rathaus Spandau.

Die U7 bringt Schüler von der Wilmersdorfer Straße zur Blissestraße und Rentner von der Zitadelle zum Jakob-Kaiser-Platz. Zwischen Mehringdamm und Neukölln tobt in den Nächten von Donnerstag bis Sonntag der Partymob, an den Bahnhöfen warten Diebe und Dealer.

Martina Gerhardt arbeitet seit 31 Jahren bei der BVG, seit 29 als Fahrerin, die 56-Jährige kennt die Linie zu jeder Tages- und Nachtzeit. Doch egal, ob es oben dunkel oder hell ist, die Routine hier unten, im ehemals längsten Tunnel der Welt, ist immer dieselbe.

Türen öffnen. In den Spiegel schauen. Abfahrtsignal. Türen schließen. Losfahren. Beschleunigen. Ausrollen lassen. Abbremsen.

Rein ins Dunkle. Raus aus dem Dunkeln.

Rein in den Bahnhof. Raus aus dem Bahnhof.

Durch den Tunnel und wieder raus.

Tagsüber kann sie den einen Wartenden nicht vom anderen unterscheiden. Zehn, hundert, tausende, es sind einfach zu viele, deren Gesichter vorbeiwitschen. Morgens aber, in den ersten Stunden nach Schichtbeginn um 3.45 Uhr herrscht eine besondere Atmosphäre: „Mit den Jahren kenne ich die Leute, sie stehen jeden Morgen zur exakt selben Zeit an der exakt selben Stelle am Bahnhof, dann steigen sie in den exakt selben Waggon und setzen sich auf ihren Platz.“ Da entsteht eine gewisse Vertrautheit, fast schon eine Intimität, obwohl man sich gar nicht kennt. Man teilt ja dasselbe Schicksal. Das Schicksal der Früharbeitenden.

Es wirkt lässig, wie sie da auf ihrem Fahrersitz thront. Eine Lässigkeit, die man sich nur durch jahrelange Routine leisten kann. Und die einhergeht mit höchster Konzentration. Kein Signal darf sie übersehen, jede Verzögerung muss vor der Zentrale gerechtfertigt werden. Doch sie ist auch stolz auf die Verantwortung, die sie hat, wenn sie 1000 Menschen durch die Tunnel fährt. Beim Bremsen zum Beispiel, sagt sie, bekommen die Leute im Zug am stärksten mit, ob da ein Profi oder ein Anfänger vorne sitzt. Ob da jemand fährt, dem alles egal ist, oder der auf seine Fahrgäste achtet: „Ich bremse so, dass man es hinten kaum merkt, kein Ruckeln, kein Zucken, ein kaum spürbares Langsamerwerden, und dann stehen wir.“

Endstation Rudow. Martina Gerhardt steigt aus und läuft wieder an den Anfang des Zuges. Sie grüßt die Putzkräfte. Ein Techniker schließt eine der geheimnisvollen Bahnhofstüren auf, dahinter ein Büro, eine Werkstatt und der Tunnel. Auch ihn kennt sie, grüßt und scherzt mit ihm, bis es wieder losgeht. Dann wird es plötzlich voll vorne im Führerhaus des Zuges. Kollegen, auf dem Weg zu ihren Einstiegs- oder Ausstiegsstationen steigen ein und fahren mit. Martina Gerhardts Tochter, erzählt sie jetzt, ist ebenfalls Bahnerin geworden. Auch ihr Mann arbeitet bei der BVG.

Später, als es vorne wieder leer ist, kommt Martina Gerhardt noch auf „ihren Unfall“ zu sprechen, wie sie das nennt. Zum Glück ist es ihr erst einmal passiert, nicht wie vielen der anderen Fahrer schon mehrmals. Sie sah schon von Weitem, dass mit der alten Frau irgendetwas war. Sie stand so komisch. Was genau Martina Gerhardt aufgefallen ist, kann sie nicht sagen. Doch Zeit zum Reagieren blieb keine. Die Frau ließ sich einfach fallen. Auf die Gleise. Das war’s. Der Zug drüber, keine Chance.

„Das ist vorbei“, sagt Martina Gerhardt. Doch die Bilder sind noch da. Die gehen auch nicht weg, bleiben im immerwährenden Dunkel des Tunnels, und die Rufe klingen durch die Geräusche der Beschleunigung, des Abbremsens, der Ansagen. Mal mehr, mal weniger laut.

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Hier treffen sich die letzten der Nacht. Bierbaum 1 in Neukölln. Foto: Karl Grünberg

Ausstieg U-Bahnhof Karl-Marx-Straße, es geht nach oben und raus an die Oberfläche, nicht weit von der Stelle, wo unsere Reise mit Peter begonnen hat. Die Straße entlang, kaum ein Fußgänger, kaum ein Auto, es ist gespenstisch ruhig. An der Ecke schläft auch das Musikhaus Bading, Relikt des Berliner Einzelhandels, nur gegenüber auf dem Karl-Marx-Platz bauen die ersten ihre Gemüsestände auf. Doch der Endspurt führt nicht zu den Tomaten, sondern rechtsab in den „Bierbaum 1“. Schummrig leuchtet die Tag- und Nachtkneipe in der ansonsten dunklen Thomasstraße. Wer nicht weiß, wo er seine Einsamkeit ertränken kann – hier ist immer auf, hier spielt wirklich immer die Musik, ist immer jemand da, der ein Bier bestellt, sich eine Zigarette anzündet, einen Automaten füttert.

Heute Morgen versenkt Taxifahrer Ahmed einen Euro nach dem anderen. Die Nacht war lang und hart, mehr muss nicht gesagt werden. Einen Tisch weiter weint einer über seine verlorengegangene Freundin. Zwei Frauen versuchen ihn zu trösten. „Sie war es doch gar nicht wert.“ – „Es gibt so viele Frauen, verschwende dich doch nicht an sie.“ – „Du musst jetzt nach vorne schauen.“ Er gibt sich einen Ruck. „Ihr habt recht. So viele Frauen“, sagt er. Schweigt, nimmt einen Schluck, dann bricht es wieder aus ihm heraus: „Ich will aber nur diese eine.“ In der Ecke sitzt der Rest einer WG-Party. Die jungen Leute zählen ihr Geld und trauen sich nicht nach vorne zur Wirtin. „Das reicht doch nie.“ – „So viel war es nun auch wieder nicht.“ – „Alter, wir sitzen hier seit zehn Stunden, ich habe mindestens fünf Bier, drei Schnaps und einen Gin Tonic getrunken. Und weißt du, ob die anderen alle richtig bezahlt haben?“

Berlin, du merkst schon: Es ist jetzt wirklich Zeit, nach Hause zu gehen. Oder zur Arbeit, ins Café, in den Park, völlig egal, nur raus aus der Nacht. Weil genau in dieser Stunde ein neuer Tag begonnen hat. Der Minutenzeiger der Straßenuhr ist schon an der Sechs vorbeigezogen. Am Horizont ist ein zartes Blau zu ahnen – sogar jetzt im Herbst, der sich bereits dem Winter zuneigt. Das Bühnenpersonal der Stadt hat gewechselt. Und alle warten auf den Morgen.

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Schwarz zu Blau, große Mehr Berlin-Reportage im Tagesspiegel

Text: Karl Grünberg, erschienen im Tagesspiegel, 12. November 2016

 

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