zitty, April 2018

Sie sind die Schwächsten der Schwachen. Nun wurde ihnen gekündigt. Eine der letzten Stellen für obdachlose Frauen in Berlin muss raus. Eine Alternative ist noch nicht in Sicht. Doch die Frauen geben nicht auf.

Wieder wurde ein Mietvertrag gekündigt. Wieder soll saniert und teuer neuvermietet werden. Wieder ist es eine soziale Einrichtung, der nun nichts bleibt, als ihre leisen Notrufe in das viel zu laute Berlin hineinzusenden. Wieder trifft es jene, die sowieso schon am Arsch sind.

Willkommen in den letzten Wochen von „Evas Haltestelle“, einer Einrichtung im Wedding, sieben Gehminuten hinter dem S-Bahnhof Humboldthain. Es ist ein kleiner, unscheinbarer Laden in einer kleinen, unscheinbaren Straße – für Menschen, deren Überlebensstrategie es ist, möglichst unscheinbar zu bleiben. Bloß nicht auffallen, in Ruhe gelassen werden, nichts provozieren. Sie sind die Schwächsten der Schwachen – sie sind obdachlose Frauen in Berlin.

Die Tür schlägt. Frauen treten ein, Frauen gehen wieder nach draußen – eine rauchen. Manchmal erträgt sich das Leben besser mit etwas Qualm in der Lunge. Manche sind alt, andere jung, manche sind laut, andere leise. Sie kommen, weil sie hier schlafen können, weil hier gekocht wird, weil es hier warm ist und weil hier andere sind, mit denen man reden kann, lachen und auch streiten kann. Sie kommen aber auch, weil hier keine Männer sind, vor denen sie Angst haben müssen und weil hier nicht getrunken wird. Sicher fühlen sie sich hier und aufgehoben. Hier können sie sein, wie sie sind, auch mit ihren Macken und Psychosen.

20180321_120716_editedDas ist Eva Haltestelle in Zahlen: 20 Jahre alt, 120 Quadratmeter, fünf Räume, eine Küche, ein Bad mit Dusche, Klos, zwischen 20 und 50 Besucherinnen am Tag, insgesamt sind es 8000 im Jahr. In den kalten Wintermonaten gibt es 10 Übernachtungsplätze, fünf Doppelstockbetten, die in einem der Räume stehen. Es wirkt wie eine Mischung aus Hostel und Kitaschlafraum. Es gilt die Regel: Wer sich zuerst meldet, schläft hier in der Nacht. Oft sind es mehr Frauen, als sie Betten haben. Die Übriggebliebenen werden auf andere Häuser verteilt. Doch einige von ihnen schlafen lieber auf einer Parkbank, in einem Hauseingang oder unter der Brücke, als in eine Unterkunft zu gehen, wo auch Männer hingehen.

„Da ist oft ein rauerer Umgang. Viele der Männer haben auch schon einen Alkoholpegel. Und selbst wenn es extra Räume für die Frauen gibt, begegnen sich Männer und Frauen beim Essen, beim Reinkommen. Die Frauen sind teilweise so traumatisiert, dass sie davon schon genug haben“, sagt Claudia Peiter, kurze Haare, einen Schlüsselbund um den Hals, vor sich einen Schreibtisch mit Zetteln, Büchern und Anträgen vollgestopft, keine Zeit, um alles wegzusortieren.

Peiter ist Sozialarbeiterin und seit sieben Jahren hier die Leiterin. Sie hat eine laute, etwas kratzige Stimme. Sie lacht gerne, kann aber auch resolut sein, wenn es Streit gibt zum Beispiel oder Besucherinnen sich nicht an die Hausregeln halten. Die meisten der Frauen kennt sie mit ihren Namen, weiß von ihren Geschichten und Problemen.

Der Schlüsselkasten des Vertrauens. Frauen kriegen in Evas Haltestelle ihr eigenes Schließfach. Oft ihr einziger privater Ort.Sind Frauen anders obdachlos als Männer? „Ja“, sagt Peiter. Viele versuchen ihre Obdachlosigkeit zu verbergen. Sie ziehen sich sauber und ordentlich an. Sie pflegen sich, waschen sich die Haare, tragen Schmuck. Steht man neben ihnen, würde man nicht merken, dass sie keine eigene Wohnung haben. So lange es irgendwie möglich ist, schlafen sie bei Freuden oder bei Bekannten, manchmal auch gegen Sex. Anders als obdachlose Männer sind sie seltener süchtig, dafür sind sie öfter psychisch krank. Viele der Frauen haben Gewalt erfahren, wurden geschlagen, misshandelt, sexuell missbraucht, auf der Straße, aber auch zuhause. Das große Ziel ist es, sie langfristig wieder auf die richtige Bahn zu bringen. Doch das müssen sie selber wollen und das braucht Zeit und Vertrauen, das erst aufgebaut werden muss.

Ein Zeichen dieses Vertrauens hängt an der Wand: Ein Kasten aus Metall, robust und sicher. Darin: 42 Haken mit 42 Schlüsseln für Schließfächer. Darin können die obdachlosen Frauen ihre Sachen sicher verstauen. Würde man sich von ihnen die Schließfächer zeigen lassen, würde man darin Dokumente, Pässe und Behördenkrams finden, Briefe und Erinnerungen aus einem anderen Leben, vielleicht etwas Geld oder ein paar Wertgegenstände, aber auch schwere Rucksäcke und Taschen mit Klamotten, mit Schlafsäcken. Es sind alles Dinge, die die Frauen nicht die ganze Zeit mit sich herumschleppen wollen, auch weil sie zu wichtig sind, als dass sie geklaut werden dürfen. Solch ein Schlüssel ist mehr als nur ein Schlüssel. Er ist ein Symbol. Er steht für einen Ort, an dem man sich zuhause fühlen kann. Und dieses Ersatz-Zuhause, Evas Haltestelle, muss nun weichen.

Die Ausgangslage: Der Hausbesitzer will sanieren. Wer das genau ist, ein Investor, ein Privatmann, das wissen sie bei Evas Haltestelle nicht. Sie haben nur mit einer Hausverwaltung zu tun: EHP heiße diese, „Erste Hanseatische Projektmanagment“, Sitz in Hamburg. Eine Webseite ist nicht zu finden, eine Emailadresse auch nicht, nur eine Telefonnummer. Ruft man dort an, geht keiner ran.

„Mit jedem Tag, dem wir den 31. Mai näherkommen, steigt mein Blutdruck“, sagt Claudia Peiter. Natürlich hofft sie auf das Beste. Natürlich kann nicht sein, was nicht sein darf, dass ihre Anlaufstelle schließen muss. Doch die Zeit rennt davon. Seit Monaten suchen sie. Haben einen Makler engagiert. Die Medien schreiben darüber. Das Bezirksamt Mitte hilft auch. Vor einigen Tagen machte ein Gerücht die Runde, dass es eine Lösung mit der landeseigenen Gesobau geben könnte. Doch es war nur ein Gerücht. Selbst die obdachlosen Frauen suchen nach leeren Läden, fragen nach den Vermietern, bringen Zettel mit Adressen und Telefonnummer mit.

20180321_102257_editedWenn Peiter durch den Raum schaut, den Stimmen der Frauen lauscht, die nebenan gerade Frühstück essen, dann kriegt sie richtig Angst, dass es doch nicht klappen könnte. Mit dieser Angst ist sie nicht alleine: In Berlin haben es soziale und kleine Einrichtungen immer schwerer in ihren Räumen zu bleiben. Kitas, Jugendclubs, Vereine, Wohnprojekte, Sozialwohnungen, Räume für Drogenabhänge, Räume für Obdachlose, aber auch Eckkneipen und Spätis – wer sich die teuren Mieten nicht mehr leisten kann, muss raus. Wer aufgrund der Klientel nach einer Luxussanierung nicht gewünscht ist, auch. Das ist nichts Neues. Doch jeder weitere Fall rüttelt auf, erschrickt, und weist Berlin in eine Richtung, in der für so viele schon jetzt kein Platz mehr ist.

Im Frühstücksraum schreibt eine Frau ihr Anliegen auf einen Zettel. Das ist ihr lieber so. So kann sie besser nachdenken. Sie ist jung, Ende 20, heißt Laure und kommt aus Frankreich. Seit fünf Jahren ist sie in Berlin, am Anfang hat sie auf der Straße gelebt, nun hat sie einen längerfristigen Platz in einer Notübernachtung. „Wir sind nur obdachlos und keine Aussätzigen. Wir brauchen nicht nur etwas Essen, sondern auch soziale Betreuung und einen Funken Aufmerksamkeit. Wir sind Menschen mit Gefühlen. Eva darf nicht geschlossen werden“, schreibt sie.

Ein Tisch weiter sitzen zwei alte Frauen. Irmtraut-Marie, 71, aus Österreich. Sanija, 64, aus Montenegro. Die beiden haben sich hier kennen gelernt und angefreundet. So wie sie hier miteinander plauschen und lachen, könnten sie auch mit einem Glas Champagner beim Bridge in einem Seniorenklub sitzen. Sanija erzählt: Sie kam nach Berlin, um hier zu arbeiten, ist eigentlich Hotelfachfrau. Doch das hat nicht geklappt. Das Geld war alle. Sie landete auf der Straße. „Das war schrecklich“, sagt sie. Die Kälte, aber vor allem die Angst. Jetzt hat auch sie einen Platz in einer Notunterkunft, sogar mit eigenem Zimmer. Die Gemeinschaft, die Freunde, das Miteinander, das gefällt ihnen an Evas Haltestelle. Geht man nun von Tisch zu Tisch, hört man von Schicksalen: manche härter, andere weniger und von Biografien, die in ganz Europa aber auch in Berlin beginnen. Man hört aber auch von Frauen, die in ihrer Obdachlosigkeit gestorben sind.

An einer Wand hängt eine „Ahnentafel“, ein Plakat, darauf stehen 12 Namen. Es sind die Namen der Frauen, die im Laufe der Zeit verstorben sind. Ute starb als letztes, erzählt Claudia Peiter. 2017 war das. Ihr ging es sowieso nicht gut, doch in dieser Nacht war es besonders schlimm. Dennoch brauchtes es viel Überzeugungsarbeit, bis sie sich vom Notarzt in ein Krankenhaus fahren ließ. Es war zu spät.

Dass es nicht auch für Evas Haltestelle zu spät sein wird, daran arbeiten hier gerade alle. Noch ist kein Vermieter gefunden. Manchmal sind es ja Zufälle, die weiterhelfen wenn sonst nichts mehr hilft: da weiß jemand etwas oder kennt jemand jemanden. Alles andere wäre ein Armutszeugnis für diese Stadt.