Sad AngelJeden Freitag erscheinen im Tagesspiegel Nachrufe auf normale Berliner. Die Rubrik ist eine der am meisten gelesenen Seiten der Zeitung. Seit 2013 schreibe ich mal einen, mal zwei Nachrufe im Monat. Diese Arbeit macht mir große Freude, auch wenn es zugleich oft traurig ist. Ich lerne viel durch die Menschen, über die ich schreibe. Ich lerne aber auch viel über das Leben und den Tod, über Liebe und Familie. Wie die Angehörigen mit ihrer Trauer und mit der Erinnerung an den Verstorbenen umgehen, ist jedesmal anders und einzigartig.

Ein Erinnerungs-Gespräch dauert zwei bis drei Stunden. Dabei stelle ich Fragen, hake nach, strukturiere, versuche zu verstehen und helfe dadurch den Freunden und Angehörigen, sich zu erinnern. Da ich neutral bin und nicht werte, kommen dabei oft Geschichten, Emotionen und Details zur Sprache, die lange vergessen waren oder über die man nie so offen geredet hat.

Allein das Gespräch hilft den Angehörigen in der Trauerverarbeitung und der Erinnerung. Ebenso, den Nachruf dann gedruckt in den Händen zu halten und allen Freunden Bescheid zu sagen.

Gertrud Tschinkel (Geb. 1931)

Schließlich fand sie kleine Blumensträuße auf ihrem Fahrradsattel

Gertrud nannte es das Kartoffelwunder. Es war Winter, sie lief die Landstraße entlang und stemmte sich gegen den schneidend kalten Wind Mecklenburgs. Ihr Blick glitt umher, spähte in die Gärten und auf die Felder. Etwas zu essen. Irgendetwas. Bitte. Ihr Bauch war so leer, seit Tagen schon.

Das war Ende 1946. Hinter Gertrud lagen schwere Monate. Georgswalde im Sudetenland war der Ort ihrer Kindheit. Ihr Vater war ein Mustermacher in einer Textilfirma. Die Familie hatte eine Haushälterin und eine Wäschefrau. Es gab ja viel Wäsche: Gertrud hatte vier Brüder. Nach der Schule kamen die Nachbarskinder zum Spielen. Eine Kindheit, heil und unbeschwert, auf dem Bauernhof mit den Weinranken, an denen die Trauben prall und saftig wuchsen.

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Thea Masloke (Geb. 1924)

„Dann nimm mich doch mit“

Alle sagen, dass Thea Masloke ein besonderer Mensch war. Doch wie beschreibt man diese Besonderheit, wenn das herausragende Merkmal nicht in einer weltbewegenden Arbeit liegt oder einer großartigen Erfindung? Wenn das Besondere nicht in großen Taten, sondern viel mehr darin bestand, wie Thea Masloke einfach war?

Vielleicht beginnen wir mit ihrer Körperhaltung. Die ist allen gleich aufgefallen. Kerzengerade hat sie sich gehalten. Rücken, Schultern, Kopf: eine Linie. Und groß war sie. Die Fingernägel vorbildlich, die Frisur perfekt, sogar die Augenbrauen hat sie sich tätowieren lassen, dazu einen feinen Kaschmirpullover, schöne Mäntel, Ketten und Ringe.

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Fikret Ceylan (Geb. 1958)

„Türkiyemspor“ ist ein Komet, und er ist dabei

Ein Mann läuft am Spielfeldrand auf und ab. Um ihn herum tobt es. Die Zuschauer jubeln, die Trainer brüllen, die Spieler fluchen. Nur er ist still, kneift die Augen zusammen und taxiert die Spieler, wertet ihre Laufstärke, ihre Technik und ihre Leidenschaft. All das merkt er sich. Legt es ab in seinem unendlichen Fußballspeicher. Notizen macht er sich nie.

Auf gar keinen Fall darf man ihn jetzt stören, so versunken ist er. Wieder und wieder steckt er sich eine Zigarette an, nun hat er schon zwei gleichzeitig brennen. Drei bis vier Schachteln verqualmt er so am Tag. Als er einmal gesünder leben wollte, ist er auf „light“ umgestiegen.

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