Tagesspiegel, Sonntag, März 2017

Das Szenario: Atomunfall! Die Mission: nicht entdeckt werden. Die Feinde: marodierende Banden, eigene Ungeduld. Wo bin ich da nur hineingeraten?

Es ist drei Uhr nachts, minus fünf Grad und ich warte auf den Feind. Strausberg Nord, Breitengrad: 52.596248, Längengrad: 13.906132. Meine Nachtwache im Wald hat begonnen. Wenn jetzt einer aus dem Gebüsch springt oder sich den Weg hinauf schleicht, soll ich die anderen alarmieren. Dafür spannt eine Schnur von Baum zu Baum bis zum Lagerfeuer. Ziehe ich an der Schnur, rappelt der selbstgebaute Alarm los, eine Plastiktüte mit Plastikflaschen, in denen kleine Steine kullern.

Ich bin so müde, dass ich mich an einen Baum lehnen muss. Mein Körper schmerzt vom Tag und dem stundenlangen Marsch durch das Gebüsch. Doch die Stille hält wach. Die Dunkelheit schärft das Gehör. „So ein Quatsch, hier gibt’s doch keine Feinde“, sagt die eine, beruhigende Stimme in mir. „Wenn jetzt aber doch jemand kommt, und sei es nur ein Wildschwein, was mache ich dann?“, sagt die andere.

Orientierung mit Karte und Kompass Reportage Survival Training Karl GrünbergWo bin ich da hineingeraten? Mitten im Winter, in Brandenburg, ein Wochenende Überlebenstraining in der Wildnis. Ein Schreibtischhocker und Großstadtbewohner ohne jeglichen sportlichen Ehrgeiz, dafür mit einer ziemlichen Vorliebe für Kaffee und Schokolade will sich und seinen Körper herausfordern. Kann ich es noch? Draußen sein, so wie früher, mit Freunden wochenlang auf dem Kanu durch die polnischen Masuren oder durch die französischen Vogesen, nur mit Schlafsack und Plane ausgerüstet.

War da nicht gerade erst in Frankreich ein Unfall in einem Kraftwerk?

Flussüberquerung Survival Training Reportage Karl GrünbergIch wollte auch lernen, wie ich auf einen Notfall reagieren muss. Manchmal frage ich mich, ob ich vorbereitet bin, falls der Strom zusammenbricht, falls Hacker das Bankensystem lahmlegen oder der Klimawandel Ernten vernichtet. Falls die Flut kommt.

Die Weltlage macht mir Angst. Ein bisschen Kontrolle zurückzugewinnen, wäre schön. Sei es nur, indem ich weiß, wie ich ein Lagerfeuer mit einem Feuerstein entfache, mich mit einem Kompass durch den Wald schlage oder mit der Armbrust schieße. Andere können gerne Goldvorräte anlegen, ich lerne lieber meinen Urin zu destillieren.

Treffpunkt war am Vortag, Samstag, 9 Uhr. Das Drei-Mann-Team vom „Survival-Camp“, dem Anbieter von Überlebenstraining, Drill-Camps und Wildnis-Selbstverteidigungskursen in Berlin und Brandenburg, startet mit einer Lagebesprechung.

Verletzte bergen und transportieren Reportage Survival Training Karl GrünbergUnser Szenario: Ein Atomreaktor ist explodiert und die atomare Wolke breitet sich über Deutschland aus. Wir sind geflüchtet, haben uns zufällig im Wald getroffen und schlagen uns nun nach Osteuropa durch. Der Feind: marodierende Banden. Der Staat: in Auflösung begriffen. Unsere Mission: nicht entdeckt werden, überleben. Fühlt sich erschreckend echt an. War da nicht gerade erst in Frankreich ein Unfall in einem Kraftwerk?

Als Erstes sollen wir mit Kompass und Karte einen Weg durch den Wald finden, von einem Ziel zum nächsten. Straßen und Häuser meiden. Smartphones? Mussten wir abgeben. Die einen wollen nach links, die anderen nach rechts. Manche reden zu viel, andere warten, dass jemand eine Entscheidung für sie trifft. „Wie muss ich noch mal den Kompass halten?“ – „Du musst erst einmal einnorden.“ – „Aber wo ist jetzt Norden?“ – „Wir müssen um den See rum.“ – „Nein, hier rein in den Wald.“

Noch einmal Abenteuer erleben, bevor das zweite Kind kommt

Die Survival-Trainer greifen ein. Wir sollen einen Gruppenführer und einen Stellvertreter ernennen. „Demokratie hilft nicht immer. Gruppenführer treffen Entscheidungen, verteilen Aufgaben, motivieren, schauen nach Stärken und Schwächen. Jeder ist mal dran“, erklärt Daniel Schäfer, einer der Trainer.

Trainer Survival Reportage Karl GrünbergFür die Bundeswehr hat er sich zum Einzelkämpfer ausbilden lassen, für die Berliner Polizei hat er als Kriminalkommissar gearbeitet. Dann ist da noch Daniel Rosenthal. Ein Muskelberg. Komplett in Bundeswehr-Tarnung. Ebenfalls Einzelkämpfer, vier Einsätze in Afghanistan. Er mag es nicht, wenn jemand in seinem Rücken steht, alte Kämpferangewohnheit. Der Letzte heißt Benjamin Arlet, Wildnispädagoge. Die drei geben sich streng und schweigsam, aber wenn sie sich unbeobachtet wähnen, schmunzeln sie über uns, die zwölf tapsigen Wildnis-Amateure.

Jörn lässt sich breitschlagen, übernimmt den Kompass, die Landkarte und führt die Mannschaft ins Unterholz. Dornen, Gestrüpp, matschiger Boden. Jörn ist 30, arbeitet als Schichtleiter in einem Tagebau. Seine Freundin hat ihm den Survivalkurs geschenkt – noch einmal Abenteuer erleben, bevor das zweite Kind kommt. Hinter ihm läuft Michael, Berliner Justizvollzugsbeamter. „Als die Regierung im vergangenen Oktober den Plan zur Notfallversorgung rausgab, wusste ich, ich muss mich vorbereiten“, erzählt er leise, damit der Feind uns nicht hört.

Notfallplan? Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges waren die Deutschen aufgefordert worden, Lebensmittelvorräte anzulegen. Seitdem besucht Michael Kurse, rüstet sich aus. Dann ist da noch Christine, Kriminologin in Hamburg, forscht und lehrt zum Thema Sicherheit in Städten. Sie will wissen, wie Menschen auf Notsituationen reagieren. Zwei Brüder, in ihrer Freizeit Sportschützen, suchen ein bisschen Action. Und eine Frau aus Wolfsburg, die als Sekretärin bei VW arbeitet. Sie liebt Wald und Kräuter. Es sind normale, vernünftige Menschen, die glauben, dass es gut wäre, vorbereitet zu sein. Vorbereitet auf einen Ernstfall, den sie am Horizont erblicken.

Selbstverteidung mit Stock (3)Andere offensichtlich auch. Survivalkurse werden immer beliebter. Deutschlandweit gibt es dutzende Organisatoren, die Workshops, Wochenendtrips und Sieben-Tage-Trainings anbieten. „Wir haben mehr Anfragen in den letzten Jahren“ , sagt Trainer Benjamin Arlet.

Plötzlich ein Knall, dann ein Schrei. Rauch steigt auf. Sonja sackt zusammen. Wir ducken uns, ziehen sie hinter einen Baum. Klar, nur eine Übung, der Knall ist ein Böller und Sonja instruiert. Doch ich spüre das Adrenalin. Wir sollen eine Trage bauen, Sonja in Sicherheit bringen. Fünf Minuten Zeit. Doch wie baut man eine Trage? Ratlose Blicke. „Wir könnten sie auf den Rücken nehmen.“ – „Nein, sie muss doch stabil liegen.“ – „Wir brauchen lange Stöcker.“ – „Wer hat die Plane?“

Verletzte bergen und transportieren (1)
Trage bauen, Verletzte transportieren, mitten durch Wald, anstregend

Die erste Trage rollt wieder auseinander. Die zweite hält. Wir wuchten Sonja auf unsere Schultern und brechen durch den Wald. Sie ist sauschwer, dazu die Rucksäcke, und weiter vorne wissen sie schon wieder nicht, wo es langgeht. „Schneller, schneller, entscheidet euch“, rufe ich. Erstaunlich, wie ungeduldig ich sein kann, sobald es nass und beschwerlich wird.

So stapfen wir durch die Wildnis. Durch Schnee, Sumpf, über einen Fluss hinweg. Ich werde immer hungriger. In der Einladung hieß es, dass wir versorgt würden. Die Trainer vertrösten uns auf den Abend: „Der Feind verfolgt uns. Wir müssen erst unser Lager finden.“

Schläge auf den Kopf, die Kehle durch – ich verzichte aufs Fleisch

Um 18 Uhr deuten sie endlich auf einen kleinen matschigen Hügel. Wir haben fünf Minuten Zeit, um hier mit Planen gegen den Schlamm unser Nachtlager zu errichten. Feuerholz sammeln, Fluchtwege festlegen, bald wird es dunkel.

Feuermachen, Essen zubereiten, Hase ausnehmen Reportage Survival Karl Grünberg.jpgNach zwei Stunden qualmt das Lagerfeuer, ist das Gemüse geschnippelt. Nur der Hase, den die Trainer mitgebracht haben, lebt immer noch. Ich will, dass das so bleibt. Doch die anderen Wildnis-Neulinge wollen Fleisch in der Suppe und wissen, wie man so ein Tier häutet und ausnimmt. Drei schnelle Schläge mit einem Ast auf den Kopf, der Hase wird ohnmächtig, ein rascher Schnitt durch die Kehle, er blutet aus. Mit dem Messer trennen wir das Fell vom Körper.

Es fühlt sich komisch an, das Tier schon tot, der Körper noch warm, das Fell kuschelig und weich. Ich fühle mich wie Jack the Ripper und gebe auf. Lieber verzichte ich auf Fleisch. Die anderen entnehmen Darm, Magen und die Harnblase, in der Kaninchen-Urin schwappt.

FeuerDas Lagerfeuer stinkt, ich liege mit meinem Schlafsack halb im Schlamm, und mir bleiben nur dreieinhalb Stunden Schlaf bis zu meiner ersten Nachtwache. Trotzdem bin ich zufrieden. Die Bewegung und die Natur tun gut.

Wir filtern Schnee-, Flusswasser und eigenen Urin

Am nächsten Tag lernen wir mit Stöckern kämpfen, Armbrust- und Bogenschießen, Feuer entfachen. Drei von uns sitzen um ein paar Birkenrindenspäne, schubbern mit einem Eisenstück auf einem Magnesiumblock herum, pusten sich die Lunge aus dem Leib und jubeln über jeden Funken. Kurz flackert es auf. Dann erstirbt die Flamme wieder. Frustrierend. Wozu haben wir Feuerzeuge erfunden? Heimlich hole ich ein paar Streichhölzer.

Wir üben Schnee- und Flusswasser zu filtern und – für den Fall, dass es keine Alternative gibt, dass ganz Brandenburg eine Wüste wäre – unseren eigenen Urin zu destillieren. Trainer Daniel Rosenthal erzählt aus Afghanistan. „Wenn wir irgendwo festsaßen und kein Wasser hatten …“, mehr sagt er nicht. Ich glaube, er will uns Angst einjagen.

Urin destillieren (2)
Urin destillieren, nur für den Notfall, in der Wüste beispielsweise…

Wir pinkeln in Plastikflaschen, legen sie ins Lagerfeuer, das sie nur schrumpeln und nicht schmelzen lässt. Ein Schlauch führt zu einer weiteren Flasche, dort kühlt der Dampf wieder ab. Am Ende brodelt da eine nicht mehr ganz orangefarbene Flüssigkeit, die trinkbar sein soll. Mein eigenes Wasser. Das Verkosten spare ich mir für den Notfall auf.

Überleben in der Wildnis ist mühselig, das weiß ich nun. Aber weniger schrecklich als gedacht. Eher löst es Sehnsucht aus. Nach weniger Stadt und mehr Natur.

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