Zeichen, Herbst 2013

Wie funktioniert eine Straßenzeitung, wer verkauft sie und warum? Zu Besuch bei der Motz, dem ältesten Straßenmagazin von Berlin.

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Die Tür öffnet sich und herein kommt Kitti. Sie hat kalte Luft in den Jackentaschen und Regen in den Haaren. Die Falten in ihrem Gesicht erzählen von abenteuerlichen Zeiten, ihr Alter lässt sich nur schwer schätzen, sie könnte zwischen 35 und 50 Jahre sein. Kitti verkauft die Straßenzeitung, was aber kein Grund für schlechte Laune ist. Im Gegenteil: „Frierst du etwa?“, fragt sie. Das unausgesprochene ‚Weichei‘ schwingt im Unterton. Ja, ich friere. Eingepackt in eine Decke, den Kragen meines Mantels hochgeschlagen, sitze ich an diesem Novembermorgen in einem Wohnwagen mitten in Berlin. Draußen rumpelt die U-Bahn durch den Bahnhof Nollendorfplatz, drinnen stapeln sich die neuen Ausgaben des Straßenmagazins Motz.

Seit 18 Jahren wird hier die Motz verteilt. Heute hat Peggy Kaufmann Dienst. Die 43-Jährige gibt die Zeitungen aus, 40 Cent pro Stück, zählt das Kleingeld ab und hat für jeden, der kommt, ein paar Minuten Freundlichkeit. Peggy ist eine gute Seele mit rauem Humor und deftigen Sprüchen. Jeder kennt sie und sie kennt jeden, meistens mit Namen und Geschichte. „Erst einmal nur fünf“, sagt Kitti zu Peggy und legt ihr zwei Euro in 10- und 20-Cent-Stücken hin.

Straßenmagazine, auch Obdachlosenzeitungen genannt, gibt es seit Ende der 1980er Jahre. In Berlin sind das die „Motz“, mit einer Auflage von 15.000, und der „Straßenfeger“, Auflage 21.000. Deutschlandweit gibt es 24 Titel, die so funktionieren, dass der Verkäufer mehr als die Hälfte vom Erlös der verkauften Zeitung behalten darf. Das sind je nach Zeitung zwischen 80 Cent bis einem Euro pro Stück.

Knapp 50 Menschen kommen täglich zum Wohnwagen, um sich die Motz abzuholen. Manche kaufen nur ein paar Stück, andere gleich zehn oder mehr. Die einen murmeln nur ein paar leise Worte, andere setzen sich kurz dazu, erzählen von den kleinen und großen Schicksalsschlägen. Wenn mal wieder alles schief läuft, wenn keiner eine Zeitung kaufen will, wenn der BVG-Sicherheitsdienst besonders scharf kontrolliert. Kitti zeigt mir, wie sie die Zeitungen zusammengefaltet in ihrer Jackentasche versteckt, wenn sie die blauen BVG-Uniformen sieht. Es ist verboten, Zeitungen in der U-Bahn zu verkaufen. Wer erwischt wird, bekommt Hausverbot oder eine Anzeige. Doch die Bahn ist für Kitti und die anderen der beste Ort um ihr Sprüchlein aufzusagen. Es ist trocken und warm, genügend potentielle Käufer gibt es auch.

„Ich will keinen Ärger und einfach nur meine Arbeit machen“, sagt Kitti. Ihre Formulierung zeigt, welche Bedeutung das Zeitungsverkaufen für sie hat. „Das ist wie ein Schild vor sich herzutragen, eine Aufgabe, eine Daseinsberechtigung, das gibt Selbstbewusstsein“, erklärt Peggy. Viele, die zum Wohnwagen kommen, haben ein Suchtproblem: Alkohol, Heroin und was man sonst noch auf der Straße kaufen kann. Doch ob sich einer mit dem Zeitungsverkauf die Sucht finanziert oder das Geld für Essen und das Nötigste braucht, ist ihr egal. „Ich urteile nicht“, sagt sie: „Was sollen sie sonst machen? Betteln, klauen oder sich prostituieren? Da ist Zeitungsverkauf eine menschenwürdige Alternative.“ Bei Kitti gehen die Zeitungen gut weg. Ihre Strategie? „Ich bin ordentlich gekleidet, immer höflich und laut genug. Die Leute haben bei mir wahrscheinlich einfach ein gutes Gefühl“, sagt sie. Kitti hat eine kleine Wohnung. Manfred, der später zum Wohnwagen kommen wird, nicht. „Wer auf der Straße lebt, das sieht man einfach. Die machen es auch nicht lange. Neulich ist wieder einer gestorben“, sagt Peggy. Statistiken zur Obdachlosigkeit in Berlin gibt es nicht. Das Land geht aber von 2.000 bis 4.000 Obdachlosen aus. Verbände schätzen die Zahl auf bis zu 8.000 und prognostizieren für die kommenden Jahre einen Anstieg. Darüber hinaus gibt es noch die „Wohnungslosen“ – Menschen ohne Wohnung, aber mit einer längerfristigen Bleibe, sei es bei Freunden oder in einem Heim. Ihre Zahl liegt für Berlin zwischen 10.000 und 12.000. Bundesweit wurden 2011 mehr als 200.000 Wohnungslose gezählt.

Kitti hat jetzt genug geplaudert, sie muss zur Arbeit, also raus auf die Straße und zum nächsten U-Bahnhof. Schon stecken die nächsten Leute ihre Köpfe in den Wohnwagen, bis zum Abend wird das weitergehen: Geld auf den Tisch, kurz quatschen, Zeitungen einpacken und weiter. So sieht das Ende der Motz-Kette aus. Doch wer sorgt dafür, dass alle 14 Tage eine neue Ausgabe fertig wird?

Ich fahre nach Kreuzberg und treffe Christian Linde, Motz-Chef. In einer Fabriketage hat der Verein seine Räume. Christian Linde ist seit der Gründung mit dabei, ein Urgestein also. Er erklärt, wie die Motz funktioniert. Es gibt zwei Ausgaben im Monat. Die eine wird hier produziert. Zur Redaktion gehören er und ein Stamm an freien Mitarbeitern, darunter Journalisten. Sie legen die Themen der nächsten Ausgaben fest und schreiben die Artikel. Immer wieder steuern Gastautoren aus Politik oder Kultur Texte dazu. Die Motz setzt sich mit sozialpolitischen Themen auseinander, Stichwort Gentrifizierung, oder aktuell die Proteste der Flüchtlinge am Brandenburger Tor. Sie wollen aufklären, unbequem sein, auch mal investigativ. Kein Hochglanzmagazin, sondern authentisch. Die zweite Motz im Monat heißt Motz-life. Sie entsteht in den Räumen der Motz Notunterkunft und wird damit direkt von den Betroffenen gemacht.

Die Motz ist mehr als nur eine Zeitung. Der Verein organisiert eine Notunterkunft, betreibt eine Umzugshilfe, hat ein Sozialkaufhaus und ein Online-Antiquariat. „Damit schaffen wir Arbeitsplätze für diejenigen, die keine Arbeit finden würden“, sagt Linde. Er ist schon so lange im Obdachlosengeschäft, dass er zu einer Art wandelndem Lexikon geworden ist, was die Berliner Sozialpolitik angeht. Kein Politiker, keine Behörde, zu der er nicht eine Geschichte erzählen kann, mit der er nicht schon
Kontakt hatte.

Deswegen ist die Motz auch so eine Art Seismograph für die sozialen Entwicklungen in der Stadt. Christian Linde beobachtet, was passiert und was sich in den letzten 18 Jahren verändert hat. „Ab dem 20. jeden Monats rufen uns Menschen an, bei denen das Geld alle ist und die nicht mehr weiterwissen“, sagt er. Es werden mehr und das Spektrum wird größer: Familien, Künstler, sogar Studenten, Menschen aus Osteuropa, Menschen, bei denen die Mieten so stark gestiegen sind, dass es fürs Essen nicht mehr reicht

„Wir machen keinen Unterschied, bedürftig ist bedürftig“, sagt Christian Linde. Dieser Ansatz passt natürlich nicht jedem. Es wird viel geschimpft unter den Zeitungsverkäufern, dass die Menschen aus Osteuropa ihnen ihre besten Verkaufsplätze und Kunden wegnehmen würden. Für das Jobcenter ist das Verkaufen von Zeitungen eine Zusatzeinnahme, die angegeben werden müsste. Und wer gibt schon gerne Geld an jemanden, von dem man glaubt, dass er sich Alkohol davon kauft?

In der U-Bahn sehe ich, wie zwei BVGWachmänner einen Menschen in abgerissenen Klamotten und mit seinen Habseligkeiten in zwei Plastiktüten aus dem U-Bahnhof eskortieren. Sie haben Handschuhe an und schubsen den Mann vorwärts, nicht brutal, aber bestimmt. Wie mit Armen und dabei vor allem mit Obdachlosen umgegangen wird, ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Ich erinnere mich, wie Peggy Kaufmann darüber sprach, dass die Zeitungsverkäufer im Zentrum immer weniger erwünscht sind und öfter fortgejagt werden.

Kitti aber ist guter Dinge. Sie hat alle ihre Zeitungen in nur ein paar Stunden verkauft und kann nach Hause zu ihrem Hund, zehn Euro hat sie heute verdient. Morgen wird sie wieder zum Wohnwagen gehen, Zeitungen holen. Das macht sie an allen Tagen in der Woche, außer am Sonntag, da nimmt sie sich frei.

Geschrieben: Karl Grünberg, erschienen im Magazin zeichen 3/2013

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