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Seit 168 Jahren lebt die Familie Köhle in Istanbul. Kultur: deutsch, Heimat: Istanbul. Wie es sich mit deutschem Brauchtum und katholischem Glauben mitten unter Türken lebt, macht Martin Köhle vor. Vielleicht als letzter seiner Familie. Von Karl Grünberg

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„Türken sollen sich besser integrieren…“, wenn Martin Köhle diesen Satz aus Deutschland hört, kann er nur den Kopf schütteln. „Sprache sprechen“, sagt er, „das ist wichtig.“ Aber sonst solle doch jeder seine Kultur behalten dürfen. Seit fünf Generationen leben die Köhles in Istanbul. Abends schaut Martin Köhle die „Tagesschau“, seine Kinder schickt er auf eine deutsche Schule, und jeden Sonntag besucht die Familie den Gottesdienst in der katholischen Gemeinde. „Warum sollte ich das alles nicht tun? Meine Kultur ist doch deutsch.“ Dass sie sich besser in die türkische Gesellschaft integrieren sollen, hat in den knapp 170 Jahren, die die Familie Köhles schon da ist, noch keiner gefordert.

Pforte auf, dahinter ein großer Garten: Flieder, Blumen, Bäume, eine Oase, umringt von Wohnhäusern. Drei Generationen Köhles treten auf den Kiesweg. Der älteste, Erwin, Mitte 70, geht vorne weg, der jüngste, Johannes, trottet hinterher. Die nächste Stunde auf einem Stuhl sitzen, Lieder singen und beten, Begeisterung sieht bei dem 13-Jährigen sicher anders aus. Es ist Sonntag, kurz nach 10 Uhr, in der deutsch-katholischen Gemeinde St. Paul werden Gesangsbücher ausgeteilt, Stühle und die mobile Orgel zurechtgerückt. Die Gemeinde liegt mitten im Zentrum von Istanbul, im Ausgeh- und Shoppingviertel Nisantasi. Nur ein unauffälliges Metallschild mit der Aufschrift „Eingang Paulussaal“ zeigt von außen an, wo die Deutschen lang müssen.

30.000 Deutsche leben am Bosporus

„Meine Eltern haben mich in die Kirche geschleppt. Jetzt sind meine Kinder dran“, sagt Martin Köhle. Die deutsche Kirche ist für ihn die Verbindung zur „alten Kultur“. Um zu verstehen, was er damit meint, muss man 165 Jahre zurückreisen, in eine Zeit, in der viele Deutsche ihre Heimat aus wirtschaftlicher Not verließen. Die Köhles, allesamt Handwerker, stammen aus Süddeutschland. Doch anstatt in die USA oder nach Russland zu ziehen, landeten sie in Istanbul. Arbeit für gut ausgebildete Handwerker gab es zuhauf, bei der Bahn, fürs Militär, Heizungen mussten gebaut und Wasserleitungen gelegt werden. Der Sultan des Osmanischen Reiches schätzte den Fleiß und das Fachwissen der neuen Siedler. Seitdem lebt die Familie in Istanbul. Aus den Handwerkern sind Unternehmer geworden. „Hier ist meine Heimat, trotzdem bin ich deutsch. Ich bin ein Deutsch-Istanbuler Weltbürger“, sagt Martin Köhle.

Martin Köhle, 45, begrüßt Pfarrer Christian Rolke, 36. Vor drei Jahren ist der Pfarrer aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Istanbul gekommen, um sich um die deutsch-katholischen Christen in der Türkei zu kümmern. Ein Dazugezogener, der eine Weile gebraucht hat, um das Beziehungsgeflecht der Deutschen in Istanbul zu entwirren. „Jeder kennt jeden, für die Deutschen ist Istanbul wie ein Dorf“, sagt Rolke. Eher wie eine Kleinstadt, denn es leben 30.000 Deutsche am Bosporus. Um da durchzublicken, hat er sich hingesetzt und für jeden, den er kennt, eine Karteikarte angelegt. Die hat er dann in einen Kasten gesteckt und nach Farben sortiert: „So kann ich optisch erfassen, wer zu wem gehört, wer wen kennt, in Istanbul oder außerhalb lebt, in meine Gemeinde oder zu den Protestanten geht.“ Eine deutsch-evangelische Kirche gibt es natürlich auch noch in Istanbul. Beide Gemeinden beiden verstehen sich gut, feiern manchmal sogar zusammen Gottesdienste, in der Fremde ist vieles möglich.

Sechs Generationen Köhles

Rolkes Hände zeichnen Linien in die Luft, während er von dem Unter-, Mit-, und Durcheinander erzählt, von Institutionen, Forschungseinrichtungen, von Firmen, dem Generalkonsulat, der Schule und von den Menschen, die nur ein paar Jahre da sind oder jenen, die für immer bleiben wollen und die, die schon immer hier wohnen.

Die Köhles gehören zu denen, die schon immer da sind. Eigentlich ist das ganz einfach: Martin Köhle, fünfte Generation, die Eltern, die Vierte, seine beiden Kinder, Jonathan und Megan, die sechste Generation. Doch dann gibt es noch den Bruder, Matthias, der ist mit Christa verheiratet, die gehört in fünfter Generation zur polnischen Minderheit. Schnell nimmt es biblische Ausmaße an, Abraham heiratet Maria, und man sieht den verzweifelten Pfarrer mit seinen Karteikarten am Schreibtisch sitzen, Geflechte entwirren.

30 Gläubige verteilen sich an diesem Sonntag im Paulussaal, darunter ein Professor der Chirurgie, eine Lehrerin der Deutschen Schule, eine Rentnerin und eine junge Praktikantin. Die ersten Orgeltöne erklingen und der Begrüßungslärm legt sich. Es ist der zweite Sonntag nach Ostern. Der von den Toten auferstandene Jesus offenbart sich seinen Jüngern zum dritten Mal.

Allah und Gott kommen sich nicht in die Quere

Isa ibn Maryam, so heißt Jesus im Koran. Darin steht, dass er ein Gesandter Gottes war, ein Prophet zwar, aber nicht Gottes Sohn. Die nächste große Moschee liegt nicht weit, circa 400 Meter Luftlinie entfernt, und bis zum Mittagsgebet, wenn die Sonne am höchsten steht, ist es noch Zeit. Gott und Allah kommen sich also nicht in die Quere, als die St.-Paul-Gemeinde das Lied 218, „Gelobt sei der Herr“ anstimmt.

Dass der Gottesdienst mitten in der Türkei stattfindet, ist nicht zu merken. Genauso gut könnte die Gemeinde irgendwo in Deutschland ihre Lieder singen. Denn zwischen Orgelmusik und Gebet vergisst man schnell, dass Christen in der Türkei nur geduldet sind. Kirchen haben keinen rechtlichen Status und werden einfach nur toleriert. Dass die Gemeinde von außen nicht erkennbar ist, dient als Schutz vor „Fanatikern, mit denen man nicht diskutieren kann“, sagt Martin Köhle. Manchmal gibt es Anschläge von nationalen oder religiösen Extremisten auf Christen in der Türkei, bei denen Menschen sterben. Auch Pfarrer Rolke ist in dem Punkt sehr vorsichtig: „Wir kümmern uns nur um die Deutschen und nicht um die Türken. Wir mischen uns nicht in Diskussionen ein und tragen nicht zur Provokation bei.“

After-Gottesdienst-Party im Gemeindegarten. Martin Köhle nimmt sein Würstchen vom Teller und tunkt es in Ketchup. „Und das in Istanbul, so lässt es sich leben“, sagt er, Kartoffelsalat zwischen den Backen. Martin Köhle erzählt, dass es einmal richtig viele Deutsche in Istanbul gab, eine Zeit, in der das deutsche Krankenhaus und die Schulen entstanden, es eigene Clubs, Bäckereien, Fleischer und Buchläden gab. Das war, als man noch Konstantinopel und nicht Istanbul sagte. Die Umbenennung war 1930, da lebten die Köhles schon seit 85 Jahren in der Stadt und waren bereits einmal ausgewiesen worden. Martin Köhle erzählt, wie seine Familie zweimal, zusammen mit allen anderen Deutschen, die Türkei verlassen musste. Nachdem Ersten Weltkrieg und 1944, während des Zweiten Weltkrieges. Beim zweiten Mal war sein Vater, Erwin Köhle, acht Jahre alt. Doch jedesmal blieben sie nur so lange in der Fremde, in Deutschland, wie nötig. Sobald der Krieg vorbei, und die Einreise wieder möglich war, kehrten sie in die Heimat, nach Istanbul, zurück.

Auch Martin Köhle wurde auf die „Kommst du zurück“-Probe gestellt. Für sein Studium ging er nach Deutschland und in die USA. Hier lernte er seine amerikanische Frau kennen und begann sich auf ein Leben in den Staaten einzurichten. Bis der Anruf seines Vaters kam: „Höflich angefragt hat er, ob ich nicht nach Hause kommen könnte, das Unternehmen warte.“ Das war vor knapp 20 Jahren. „Nur wenn es meiner Frau auch gefällt“, war Martin Köhles Bedingung. Heute leitet er zusammen mit dem Vater und dem Bruder das Familienunternehmen, eine Handelsvertretung für deutsche Pharma- oder Chemiebetriebe. Dennoch müssen die Köhles alle fünf Jahre ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verlängern. Der Pass ist deutsch, „das hat in unserer Familie Tradition. Aber in Deutschland niederlassen, nein, das würde mir nicht einfallen. Hier ist mein Zuhause.“

Die Jugend zieht es nach Deutschland

5Kultur deutsch, Heimat Istanbul, so denken und fühlen die meisten in der Gemeinde St. Paul. Im Saal des kleinen Gemeindehauses sitzt Brigitte Midil. Die Rentnerin hat Ende der Fünfziger ihren türkischen Ehemann in Deutschland kennengelernt. „Bei uns hätte er zu dieser Zeit als Türke keine Chance gehabt, alle hätten ihn verachtet“, sagt sie. Deswegen ist sie mit ihm in die Türkei gegangen. Sie bereut es nicht. Sorgen macht sie sich nur um ihre Zukunft. „Was ist, wenn ich gepflegt werden muss? Es gibt kaum Altersheime in der Türkei und für Deutsche schon gar nicht.“

Inzwischen kennt Pfarrer Rolke seine Gemeinde so gut, dass er weiß, was gemeint ist, wenn es um das Thema Deutsch geht. „Heimat, dass sind Dinge, die es in Deutschland gibt und die in der Rückbesinnung Bedeutung bekommen: Lieder, Brauchtum, Adventskranz. Was esse ich gerne, was es hier nicht gibt? Dahinter steht die Frage: Was oder wer bin ich selber und wohin gehöre ich?“

Die Zukunft steht draußen und möchte gehen. Johannes und seine 17-jährige Schwester Megan haben nun genug von Kirche und Gerede. Megan will noch lernen, sie macht demnächst ihr Abitur. Sie schwärmt richtig, als sie davon spricht, dass sie bald nach München ziehen und dort studieren wird, eine eigene Wohnung braucht, aufgeregt ist auf das neue Leben. Ob sie wieder kommen wird, weiß sie nicht: „Mal sehen, wie München so wird“, sagt sie. Martin Köhle hört ruhig zu. Dann sagt er: „Am Ende sind wir ja doch noch hier. Und wer weiß, vielleicht kommt sie ja auch wieder.“

Text: Eine Reportage von Karl Grünberg, erschienen bei http://www.reporterreisen.com und http://www.migazin.de.

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