Massencastings, Fragebögen, geplatzte Termine: Karl Grünberg hat sich auf die Suche nach einem WG-Zimmer gemacht. Er hat unzählige Mails geschrieben, seine Duschgewohnheiten erklärt und Bier mitgebracht. Er weiß jetzt, warum es für Studenten so schwierig ist, in Berlin eine WG zu finden.

Das darf doch nicht wahr sein: Ich kann Klausuren schreiben, Vorträge halten und mündliche Prüfungen ablegen. Aber die Aussicht auf ein fünfköpfiges Inquisitionsgericht, das mich nach meinen Ess-, Schlaf- und Duschgewohnheiten ausfragen wird, macht mich fertig. Gleich ist es wieder so weit: Mir sitzen mehr oder weniger gelangweilte Leute gegenüber, auf die ich nicht nur lustig, nett, gut zum Quatschen und Kochen wirken soll, sondern auch zuverlässig, stubenrein und liquide. Mein freundliches Lächeln ist jetzt schon eingefroren. „Das ist ja schlimmer als mein erstes Bewerbungsgespräch“, denke ich, während ich meinen Daumen auf den Klingelknopf eines Neubauhauses in der Nähe des U-Bahnhofs Kochstraße presse.

Es ist die letzte WG-Besichtigung auf meiner Liste und damit auch meine letzte Chance, ein Zimmer zu finden. Niemand macht auf. Ich drücke noch mal den Knopf, ich warte – nichts. Ich zücke mein Handy und rufe Mathias an. Mit ihm bin ich verabredet, seine WG – keine Zweck-WG, sondern eine, in der man auch mal abends zusammensitzt – sucht einen neuen Mitbewohner. Schon beim E-Mailschreiben kam er mir ein wenig orientierungslos vor: Ganze fünf Male ging es hin und her, bis wir uns auf einen Termin zur Zimmerbesichtigung einigen konnten. „Yo“, meldet sich Mathias. „Ja, hier Karl, sag mal, wir waren doch fürs Zimmeranschauen verabredet, jetzt bin ich bei euch und keiner macht auf.“ Mathias: „Ja, sorry, wir haben doch schon jemanden gefunden. Ein Freund von uns hat seinen Uni-Platz in Berlin bekommen.“ Ich fasse es nicht: „Warum habt Ihr mir dann nicht Bescheid gesagt?“ Mathias: „Sorry, das hab ich vergessen. Aber wenn du willst, kannst du noch eine halbe Stunde warten, dann bin ich da und wir können ein Bierchen trinken.“ Ich lege auf und streiche den letzten Besichtigungstermin von meiner Liste.

Berlin, September 2012: Der Semesterbeginn mit rund 31 500 Studienanfängern steht vor der Tür, die Erasmus-Studenten und die, die für ein Praktikum herkommen, nicht mitgezählt. Dass die Lage auf dem Berliner Wohnungsmarkt schwierig ist, dass selbst leer stehende Erdgeschosswohnungen mit Kachelöfen noch Dutzende Interessenten anziehen, dass die Quadratmeterpreise steigen und steigen, ist kein Geheimnis. Aber es geht nicht nur um Wohnungen, die gesucht und angemietet werden wollen: Berlin ist eine Stadt der Wohngemeinschaften. Allein von den über 150 000 Studenten in Berlin lebt ein Viertel in WGs. Das ergeben Zahlen des Amtes für Statistik (2011) und die letzte Sozialerhebung des Studentenwerkes (2009).

Pro Tag rattern auf den einschlägigen großen WG-Portalen bis zu 400 Angebote durch. Von Marzahn über Neukölln bis Spandau, von dem neun Quadratmeter großen Zimmer in der Wohnung eines alleinerziehenden Vaters mit zwei Kindern bis zur zehnköpfigen WG-Kommune mit garantiert veganem Kühlschrankinhalt ist alles dabei. Die durchschnittliche Miete liegt bei 300 bis 350 Euro für ein WG-Zimmer zwischen 15 und 18 Quadratmetern. Sucht man auf Portalen wie wg-gesucht.de, studenten-wg.de oder ähnlichen Seiten, scheint die Auswahl unerschöpflich. Aber nur auf den ersten Blick. Wer erst einmal angefangen hat, merkt schnell, dass die Zimmersuche zu einer regelrechten Jagd werden kann; eine Jagd, bei der die Gefahr, am Ende leer auszugehen, groß ist. Das zumindest hört man immer wieder, wenn man mit Leuten über die WG-Suche spricht.

[002388]-1Doch wie schwierig ist es wirklich, in Berlin ein Zimmer zu finden? Bedarf es vielleicht nur der richtigen Planung, dem richtigen Auftreten, und dann sollte das Dach über dem Kopf kein Problem sein? Ich will es wissen: In einer Woche will ich eine Zusage für ein Zimmer in einer WG bekommen. Die Bedingungen: Es muss eine WG sein, in die ich auch wirklich einziehen würde. Das heißt, nicht teurer als 350 Euro warm im Monat, Zimmergröße egal, Hauptsache nette Leute, nicht zu laut, gerne hell und alles außer Marzahn, Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Spandau. Ich finde mich recht anspruchslos und bin dementsprechend optimistisch, dass ich, wenn sieben Tage rum sind, irgendwo einziehen könnte.

Ich schalte meinen Computer an, studiere Anzeigen, das Telefon griffbereit. Doch schnell wird klar, dass es schon viel Ausdauer bedarf, um überhaupt erst mal auf dem Küchensofa einer WG zu landen. Einfach anrufen und eben vorbeikommen ist nicht. Zuallererst nämlich muss man eine Bewerbungsmail schreiben: Bei den einen muss ich erklären, warum ich das Gefühl habe, dass in der Gesellschaft „einiges schiefläuft, und ich meinen Teil für Veränderungen beitragen“ möchte.

Andere wollen nicht wissen, was ich studiere und woher ich komme, sondern welchen Weichspüler ich benutze, wann ich das letzte Mal im Urlaub war, was ich gerade lese, was ich von meinen letzten 10 Euro einkaufen und welche drei Lieder ich empfehlen würde. Gar nicht erst beworben habe ich mich bei einer WG in Schöneberg, deren Bewohner sagen, dass die ausgehängte Badtür ganz normal sei und dass der neue Mitbewohner sich nicht daran stören dürfe, wenn der eine oder andere nackt durch die Wohnung läuft. Sechs Stunden und 30 Minuten später: So viel Zeit brauche ich, um 112 Anzeigen zu scannen und 26 Bewerbungsmails zu schreiben.

Die drei Telefonate, die ich führe, zählen nicht. Über die Wörter „WG-Zimmer“ und „frei“ komme ich nicht hinaus, da werde ich schon unterbrochen und muss mir anhören, dass in den letzten zwei Stunden mindestens 50 Leute angerufen hätten, dass alle Besichtigungstermine schon voll seien und überhaupt alles „verdammt nervig“ sei. Ich bin aber mit meiner Ausbeute ganz zufrieden und freue mich schon auf die vielen Einladungen, die bald mein E-Mail-Postfach verstopfen werden. Zwölf Stunden später. Keine der 26 WGs hat mir geantwortet. Wollen die mich nicht? Was habe ich falsch gemacht? Geht das nur mir so? Ich brauche einen Rat und rufe ein paar der Leute an, die sich als Suchende auf einem WG-Portal vorstellen und hoffen, auf diese Weise eingeladen zu werden. „Vor allem schnell musst du sein“, sagt Tim. Der 24-Jährige kommt aus Wolfsburg und macht jetzt seinen Master in Berlin. Seit zwei Wochen schreibt er nun schon Bewerbungsmails. „Sobald eine Anzeige erscheint, musst du dich bewerben. Wenn du auch nur einen Tag wartest, sind die ganzen Besichtigungstermine schon vergeben.“ Bei ihm hat sich die Geduld gelohnt, in den nächsten Tagen warten fünf Vorstellungsrunden auf ihn. „Von durchschnittlich 30 Mails, die ich schreibe, werden fünf bis sieben beantwortet. Da sind dann aber auch Absagen mit dabei.“

Auch Lisa, 19, ergeht es ähnlich: „Ich suche seit einem Monat, habe viele Mails geschrieben, war aber auch schon bei ein paar Vorstellungsgesprächen. Aber entweder hat es nicht gepasst oder es waren einfach zu viel andere Mitbewerber da.“ Jetzt will die angehende Publizistikstudentin selbst eine WG gründen. Ich versuche also schneller zu sein und mehr Geduld zu haben. Ich starre auf den Bildschirm: Sobald eine passende Anzeige gepostet wird, jage ich schon eine Bewerbungsmail raus. Das ist ein echter Fulltime- Job. Schon den dritten Tag verbringe ich jetzt vor dem Rechner.

Dann endlich, ein Anruf: Eine Dreier-Frauen-WG aus dem Wedding will mich auf ihrer Couch haben, jetzt gleich in zwei Stunden. Ob ich so spontan vorbeikommen könne. Ich kann. Kurze Zeit später stehe ich vor dem Eingang eines Altbaus in der Nähe vom U-Bahnhof Wedding. Links von mir befindet sich eine Eckkneipe, daneben ein asiatischer Imbiss, etwas weiter ein Dönerladen. Hinter mir dröhnen die Autos auf der Hauptstraße entlang, ein Lkw hupt ausdauernd. Ich hoffe, dass das Zimmer nach hinten rausgeht. Ich bin nervös. „Das ist bloß ein nettes unverfängliches Gespräch in einer netten kleinen Küche. Wenn ich Glück habe, bekomme ich noch einen Kaffee“, versuche ich mich zu beruhigen. Der Türöffner summt, der Hausflur riecht muffig, langsam laufe ich die Treppen bis in den vierten Stock hoch. Die Tür ist angelehnt. Ich klopfe, höre ein vielstimmiges „Komm rein“. Das Erste, was mir auffällt, sind die vielen Schuhe im Gang, dann das Stimmengewirr aus der Küche.

Einsamer Appell
Einsamer Appell

Das sind mehr als drei Frauen. Ich trete aus dem dunklen Gang in die helle Küche: Dielen, großer runder Holztisch und gemütliches Sofa. Und tatsächlich: Da sitzen nicht drei, sondern sieben Leute. Ein Casting. Auf dem Sofa sitzen die Bewerber, brav aufgereiht wie für einen Fototermin: Markus, lange braune Haare, trägt ein Shirt mit Metalband drauf, studiert Maschinenbau. Antonio aus Italien arbeitet in einem Callcenter. Benjamin, Student und ein echter Kumpeltyp. Carsten, Auszubildender. Ihnen gegenüber die drei Frauen Anne, Marie und Cleo, zwischen 23 und 28 Jahre alt, zwei Studentinnen und eine Friseurin. Es könnte ein ungezwungener Nachmittag unter Freunden sein, doch ein Gespräch will nicht in Gang kommen. Warum sie denn einen Mann suchen würden, frage ich. „Wir zicken uns ab und zu mal an, und da dachten wir, dass mit einem Mann als viertem Mitbewohner eine Art Ausgleich einziehen würde.“

Bevor wir Männer dazu etwas sagen können, legt Cleo mehrere Zettel und Stifte auf den Tisch. Wir sollen einen Fragebogen ausfüllen: Name, Alter, Hobbys, mit welchem Essen wir die drei beglücken würden, Lieblingsserie, was wir machen, wenn die Küche dreckig ist oder wenn das Bad morgens blockiert ist. Als ob das noch nicht genug wäre, holt Cleo auch noch eine Kamera raus: „Wir müssen noch Fotos von euch machen, damit wir nachher wissen, wer Ihr wart. Wir hatten schon so viele Leute hier, da kann man schon durcheinander kommen.“ Einen Tag später, am anderen Ende der Stadt, in Neukölln: Ich sitze in der Küche einer waschechten Berliner Polit-WG. Die Wohnung ist eine ehemalige Fabriketage, die Zimmerdecken hoch, die Fenster groß.

WG im Bergmannkiez oder doch lieber nen Sechser im Lotto?
WG im Bergmannkiez oder doch lieber nen Sechser im Lotto?

In der Spüle stapelt sich das Geschirr, in der Ecke stehen leere Bierflaschen im Gegenwert eines Monatsgehalts. An den Wänden hängen Plakate von Demonstrationen gegen steigende Mieten und Gentrifizierung. Die drei WG-Bewohner sind locker drauf. Der eine dreht sich gerade eine Zigarette und macht sich mit einem Feuerzeug sein Bier auf, der andere kommt fünf Minuten zu spät, er hatte noch Tresenschicht in einem Kneipenprojekt, und der Dritte kann nicht so lange, weil er noch weiter an seiner Bachelorarbeit feilen muss. Nachdem die Details geklärt sind (Untermietvertrag, 285 Euro für 12 Quadratmeter inklusive Telefon und Internet), erzählen die drei, was sie so in ihrer Freizeit machen: Abends gehen sie zusammen containern, morgens grasen sie die Berliner Obst- und Gemüsegroßmärkte ab, immer auf der Suche nach Lebensmitteln, die weggeworfen werden würden, aber eigentlich noch gut sind. „Dadurch geben wir so gut wie nichts für Essen aus“, sagt der Zigarettendreher.

Wie viel Zeit sie denn damit zubringen würden, frage ich. „Zwei Abende zum Containern und einen Morgen für den Großmarkt.“ Wenn ich einziehen wollen würde, müsste ich mich daran schon beteiligen. Meine kürzeste WG-Besichtigung fand am nächsten Abend in Berlin-Schöneberg statt. Ein Informatik- und ein Mathestudent suchen für ihre Dreizimmerwohnung noch einen Mitbewohner. Zum Einstand sollte ich Bier mitbringen. Warum nicht, vielleicht würde es ja ein netter Abend voller spannender Fachgespräche über Datenschutz, Copyright und die neuesten Computerspiele werden.

Ein Mann, Mitte 20, mit kurz geschorenen Haaren, Poloshirt und Jogginghose, öffnet. „Hi“, sagt er. „Hi“, sage ich. „Komm rein, hast du das Bier mit dabei?“, fragt er. „Ja“, sage ich. „Dann bring es in die Küche.“ Die Küche ist sehr ordentlich, nicht eine dreckige Kaffeetasse steht ’rum. Ich stelle mein Bier zu den anderen drei Sixpacks, die ungeöffnet auf der Ablage stehen. „Der wievielte Bewerber bin ich denn?“, rufe ich. „Der Vierte! Komm, ich zeige dir das Zimmer.“ Ich folge ihm den kahlen Gang entlang und an zwei geschlossenen Türen vorbei. „Hier wohnen wir und da wäre dein Zimmer.“ Ich stehe in einem langen schmalen Schlauchzimmer mit kleinem Fenster. Eine Glühbirne erhellt die nackten Fliesen. Erst jetzt bemerke ich, dass die ganze Wohnung gefliest ist. „Wir machen eigentlich so jeder seins, kaufen getrennt ein und kochen auch nicht zusammen.

Manchmal schauen wir zusammen einen Film, aber das ist eher selten. Wir machen auch keine Party oder so etwas. Wenn du hier einziehen willst, dann wäre uns wichtig, dass das auch so bleibt.“ Dann zeigt er mir noch das Bad, die Abstellkammer und verliert noch zwei, drei Sätze über die Modalitäten. Ob ich noch Fragen hätte. Wenn nicht, dann solle ich mich doch einfach melden, wenn ich einziehen möchte. Er müsse jetzt weiterarbeiten. „Und das Bier, für was war das?“, frage ich. Da grinst er zum ersten Mal: „Na ja, als Ausgleich für meine Zeit.“ Wortlos verlasse ich die Wohnung, zu spät merke ich, dass ich das Bier vergessen habe. Was nun? Die Woche ist fast vorbei, ich habe 200 Anzeigen durchgeschaut, 45 E-Mails geschrieben, elf Antworten und sieben Einladungen bekommen, fünf Termine vereinbart und vier WGs besucht.

Eine Zusage für ein Zimmer, geschweige denn einen Mietvertrag, habe ich bisher nicht bekommen. Jetzt bleibt noch eine Besichtigung auf meiner Liste: eine Fünfer-WG, die gerne was zusammen unternimmt. Mathias, mit dem ich den Termin ausgemacht habe, klang sehr nett. Ich steige am U-Bahnhof Kochstraße aus. Meine letzte Chance. Nervös drücke ich den Klingelknopf.

Text: Karl Grünberg, erschienen im tip-Campus, 10/2012

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