Tagesspiegel, März 2013

Von Stuttgart nach Berlin, neun Stunden zu neunt in einem Auto, und mein Fahrer – ein tätowierter Profi, der sein Einkommen aufbessert. Von Karl Grünberg.

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Bereits beim ersten Anruf hätte mir klar sein müssen, dass etwas nicht stimmte. „Ein Platz ist noch frei. Nur 28 Euro. Nein, ich bin die Ehefrau. Thomas fährt. Komm morgen zum Hauptbahnhof. Er ruft dich an und sagt dir, wie es weitergeht.“ Das klang mehr nach einem Drogendeal als nach einer Mitfahrgelegenheit von Stuttgart nach Berlin. Doch der Preis war gut, und ich suchte auf den letzten Drücker. Also: „Ja, ich bin dabei.“

Montagnachmittag, Hauptbahnhof, Polizisten bewachten Stuttgart-21-Gegner, Baumaschinen machten einen Höllenlärm. Mein Handy klingelte. Thomas. Mit kratziger Kneipenstimme lotste er mich über den Parkplatz in eine Seitenstraße.

Da stand er vor einem roten VW-Bus. Glatze, goldene Ohrringe, schwere Lederjacke, Kippe in der einen und einen Zettel mit Namen und Telefonnummern in der anderen Hand. Mein Name war der letzte auf der Liste.

„Haste die 35 Euro?“, war Thomas Begrüßung. Überrumpelt drückte ich ihm das Geld in die Hand. Erst ein paar Gedanken später fiel mir auf, dass nicht 35, sondern 28 Euro ausgemacht waren. „Wat kiekste?“, fragte Thomas. „Willste jetzt mitfahren oder nicht?“ Die Scheiben des Busses waren beschlagen, nur schemenhaft konnte ich sieben Köpfe dahinter erkennen. Auch auf der Beifahrerbank saß schon jemand. „Müsst ihr halt zusammenrücken“, sagte Thomas.

Ich war an einen Profifahrer geraten. Geschäftsmodell: Das Auto möglichst vollladen, zwischen Stuttgart und Berlin pendeln, was nicht fürs Benzin draufgeht, ist der Gewinn. Beliebt sind lange Strecken, da kann man mehr Geld nehmen. Ganz legal sind solche Fahrten nicht. Ein anderer Profi berichtete mir einmal, dass die Fahrer untereinander Autos und Strecken tauschen, um nicht aufzufallen. Finanzamt und Polizei seien da hinterher.

Ob sich das Geschäft lohnt? Von mir und meinen Mitfahrern bekam Thomas insgesamt 280 Euro. Minus 90 Euro fürs Benzin. Bleiben 190 Euro für die Fahrt von Berlin nach Stuttgart, Wartungskosten fürs Auto nicht mitgerechnet.

Eingequetscht auf der Vorderbank, mit dem Rucksack auf dem Schoß und Zigarettengeruch in der Nase, unterhielt ich mich mit Thomas. Er erzählte Geschichten übers Brummifahren, sein letzter regulärer Job. Türkei, Italien, Spanien, der Chef sagte immer: „Wer die Zeit nicht schafft, fliegt raus.“ Dann passierte es: zu schnell gefahren, 18 Stunden am Stück, es gab eine Geldstrafe. Heute, sagte Thomas vage, arbeite er dies und das. Verheiratet sei er nicht. Dann verstummte er.

Acht Stunden und vier Staus später kamen wir in Berlin an. „War nett“, rief Thomas zum Abschied. „Bis zum nächsten Mal.“

Karl Grünberg, erschienen im Tagesspiegel, am 15.2.2013.

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