Erschienen: Magazin Dialog, Winter 2019

Geflüchtete und Einheimische teilen sich Küche, Bad und Wohnung. Wie dieses WG-Leben funktioniert und was Antonia und Nyima voneinander lernen können. Ein Bericht.

Zwei junge Frauen. Sie lachen. Sie schauen sich an. Sie haben sich etwas zu erzählen. Die eine klein, die andere groß. Die eine leiser, die andere lauter. Die eine schmunzelt, während die andere losprustet. Beiden sitzen an einem Küchentisch, den sie sich teilen, in einer Wohnung, die sie sich teilen. Und obwohl sie ihren Alltag teilen, Klo, Dusche und Küche, könnten sie unterschiedlicher kaum sein.

Antonia kommt aus Berlin und hat eine sichere Zukunft vor sich. 23 Jahre ist sie alt und hat eben ihren Bachelor in Physik gemacht. Jetzt hängt sie einen Master hinten dran und hat neben der Physik noch die Philosophie dazu genommen. Selbstbewusst wirkt sie, aber auf eine lockere Art. Sie wird ihren Weg gehen. Auf eine wie sie hofft die Wirtschaft, wartet die Forschung. Was soll jetzt noch schiefgehen?

Bei Nyima wiederum kann alles schiefgehen. Sie weiß nicht, was der nächste Monat bringt oder was nächstes Jahr sein wird. Sie hat Angst, wenn es an der Tür klingelt. Hat Angst, dass die Polizei davorsteht, sie mitnehmen und sie abschieben könnte.

Nyima ist 26 Jahre alt und kommt aus Gambia. Das ist ein kleines Westafrikanisches Land, das bis vor kurzem von einem Diktator beherrscht wurde. Antonia wiederum musste Gambia erst einmal googeln, weil sie keine Vorstellung hatte, wo es liegt und wie es dort ist. Es ist ein Land, das etwas gegen Journalisten hat, die kritisch recherchieren. Eine Journalistin, wie Nyima eine war.

„Wir waren nichts wert, wurden verhaftet und eingesperrt“, sagt Nyima. Sie hat politisches Asyl beantragt. 2015 war das. Erst lebte sie drei Jahre in Baden Württemberg, in einer Sammelunterkunft für geflüchtete Menschen und dann in einer Einliegerwohnung. Doch im stillen Lörrach hielt die junge Frau es nicht aus. Sie wollte etwas aus ihrem Leben machen. Deswegen und weil sie besser war als ihre Mitbewerberinnen und -bewerber zog sie nach Berlin.

„Erst waren es 80 Bewerber, dann 20, dann acht, dann vier. Workshops, Prüfungen, Einzelgespräche. Ich war so aufgeregt, ich habe es niemals für möglich gehalten, doch sie haben mich genommen“, sagt sie. Nyima macht bei einem Radio- und Fernsehsender eine crossmediale Ausbildung und lernt, wie sie wieder eine Journalistin sein kann, diesmal auf Deutsch.

Doch wo sollte sie wohnen?

In kleineren Städten haben es die Verwaltungen geschafft, Geflüchtete raus aus den Sammel- und Gemeinschaftsunterkünfte und in eigene Wohnungen zu bringen. Das ist günstiger für das Land, das gibt den Menschen Würde und ist die beste Möglichkeit anzukommen.

In den Großstädten klappt das häufig nicht. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp. Wie viele Menschen in den verschiedensten Unterkünften leben, darüber gibt es keine deutschlandweiten Zahlen. Doch Schätzungen gehen von 100.000 bis 200.000 aus. Allein in Berlin sind es laut Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten 20685 Menschen.

„Heim ist Stress“, sagt Nyiama. „Ich konnte nicht lernen, weil es so laut war. Ich konnte nicht schlafen, weil viele noch telefoniert haben.“

Antonia und Nyima. Die beiden sitzen an diesem hölzernen Küchentisch in dieser Altbauwohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, trinken Tee, essen Kuchen, so als ob es das normalste der Welt wäre. Auf dem Kühlschrank haften Magnetwörter. Im Wohnzimmer wartet ein Klavier. Auf Antonias Schreibtisch steht ein Mikroskop. Und in Nyimas Zimmer liegt ein Gebetsteppich auf dem Boden. Sie ist Muslimin, trägt ein Kopftuch, wie die meisten Frauen ihres Landes.

Dass die beiden überhaupt zu einander gefunden haben, liegt an der Initiative „Zusammen Willkommen“. Diese vermittelt geflüchtete Menschen in Wohngemeinschaften, kurz WGs. „In WGs ist ein ganz anderes Ankommen möglich. Der Geflüchtete macht seine Zimmertür auf und dann sind da Leute, die sprechen Deutsch, die kennen sich aus, die interessieren sich“, sagt Mareike Geiling.

Sie hat die Initiative 2014 mitgegründet. Seitdem ist fast kein Tag vergangen, an dem sie sich keinen Gedanken gemacht oder keine Arbeitsstunde in das Projekt investiert hat. Wenn man mit ihr telefoniert, merkt man an ihrem energischen Tonfall, wie wichtig ihr das alles geworden ist.

Herbst 2014, da studierte Mareike Geiling noch. Es war auch die Zeit, als der Syrien-Krieg mehr und mehr eskalierte. Hunderttausende Menschen suchten Schutz in den Nachbarländern und ebenso viele Menschen kamen nach Europa und nach Deutschland. Damals hatten Mareike und ihr Partner ein Zimmer in ihrer WG frei. Sie entschieden sich, nicht eine Anzeige bei WG-Gesucht zu schalten, sondern einen Geflüchteten aufzunehmen. Sie wollten auch etwas tun, wie Mareike sagt. Für die Kosten des Zimmers starteten sie eine Crowd-Funding-Aktion unter Freundinnen und Freunden.

Innerhalb kurzer Zeit kam das Geld zusammen. Innerhalb kurzer Zeit zog Bakary aus Mali ein. Doch mit Bakary hörte es nicht auf. Aus dieser eher spontanen Idee entstand eine Internetplattform. Auf der einen Seite gab es viele Geflüchtete, die dringend ein Zimmer suchten, die raus aus der Flüchtlingsunterkunft wollten. Auf der anderen Seite lauter Menschen, die jemanden aufnehmen konnten und auch wollten.

Woche für Woche wurden es auf beiden Seiten mehr. Spenden kamen herein. Sie gründeten ein Verein. Die Presse berichtete deutschlandweit und international. Und Mareike Geiling hatte von jetzt auf gleich jede Menge zu tun. Sie musste sogar aussortieren, wem sie ein Interview geben konnte und wem nicht. So wenig Zeit hatte sie. Gleichzeitig gründeten sich in 16 Ländern auf der Welt ähnliche Initiativen, darunter Australien, Kanada, aber auch Ungarn und Polen.

Doch wie genau funktioniert das „Matching“ von WG und Geflüchteten. Wie kamen Antonia und Nyima zusammen?

Wer sich als WG auf der Plattform anmeldet, wird in mehreren Gesprächen einem Check unterzogen. Da gehe es darum, falsche Erwartungen oder Motivationen zu entdecken. Wer übergroße Dankbarkeit erwartet, kann enttäuscht werden. Wer erwartet, dass da jemand komme, den man noch erziehen müsse, kann enttäuscht werden.

„Insgesamt sollte der neue Mitbewohner als eigenständig handelnde Person gesehen werden“, sagt Mareike Geiling. „Sie dürfen kommen, gehen, mitbringen wen oder kochen, wann, und was sie möchten. Wie ein gleichberechtigter Mitbewohner eben.“ Alles andere kläre sich wie man das aus normalen Wohngemeinschaften kennt. Mal sind die einen ordentlicher, mal die anderen, mal beide gleich ordentlich oder dreckig. Man könne als WG auch angeben, ob man sich eher eine Frau oder einen Mann vorstellt.

Antonia machte keine Einschränkungen. Und Nyima brauchte dringend ein Zimmer. Zuerst telefonierten sie, dann trafen sie sich in einem Cafe, dann zeigte Antonia ihr das Zimmer und heute steht Nyima darin und kann sagen: „Das ist meine Zuflucht, da steht mein Bett, da ist mein Schrank mit meinen Büchern. Da ist die Tür, die kann ich aufmachen oder zu machen. Wenn ich sie zumache, habe ich meine Ruhe. Wenn ich sie aufmache, ist da jemand, den ich mag.“

Richtig angekommen, richtig aufgenommen fühlt sie sich aber noch nicht. Ihr Asylverfahren hängt in der Schwebe. Einen negativen Bescheid hat sie schon bekommen. Sie hat Einspruch eingelegt. Das Problem: Der alte Diktator in Gambia ist abgetreten, es gab Wahlen und damit einen neuen demokratischen Präsidenten. „Die Strukturen dahinter, Polizei und Geheimdienste, sind immer noch dieselben“, sagt Nyima. Sie kenne andere Menschen aus Gambia, die in Deutschland ihre Ausbildungen machen, zur Schule gehen und scheinbar plötzlich von der Polizei abgeholt und in den Flieger gesetzt werden. Das macht ihr Angst, deswegen macht sie die Tür nicht auf, wenn es klingelt.

Auch für Mareike Geiling ist die Projektarbeit nicht immer einfach gewesen. Sie erinnert sich, wie nach der ersten Euphorie die große Ernüchterung eintrat. Das politische Klima in Deutschland hatte sich geändert.  All das führte dazu, dass sich kaum noch WGs bei der Initiative meldeten, dass niemand mehr spendete. Gleichzeitig begannen die Drohungen von rechtsradikaler Seite. Sie wurden beschimpft und angefeindet.

Heute hat sich die Arbeit normalisiert. Sie vermittelt pro Monat circa fünf Menschen an WGs. Das soll wieder mehr werden. Dazu haben sie aktuell eine staatliche Förderung erhalten und konnten so Leute einstellen, die das Projekt wieder bekannter machen sollen. „Der Bedarf ist ja da“, sagt Mareike Geiling. Erfolgsgeschichten gäbe es auch viele. WG’s, die bei der Arbeitssuche unterstützen. WG’s die halfen einen Studienplatz zu finden. WG’s, die sich beim Deutschlernen mit an die Hausaufgaben setzten.

Und wenn es mal nicht klappt? Dann sei das wie in einer normalen WG. Dann zieht man wieder auseinander.

Bei Antonia und Nyima scheint es geklappt zu haben. Dafür, dass sie vor einem Jahr noch nicht einmal wussten, dass es den jeweils anderen gibt. Heute, knapp elf Monate später, weiß Antonia, dass Nyima wunderbar kochen kann, nur leider viel zu scharf für ihren Geschmack, mit zu viel Chilli und Knoblauch. Und Nyima weiß jetzt, wie in Antonias Familie Weihnachten gefeiert wird, was ein Weihnachtskalender ist und wie schön ein Weihnachtsbaum sein kann. „Ich war der Ehrengast in der Kirche und bei Antonias Familie. Alle wollten mir die Hand schütteln und mehr von mir erfahren“, sagt Nyima.

Man könnte Antonia und Nyima noch lange zuhören. Wie Antonia beeindruckt davon war, dass Nyima das Fasten zu Ramadan durchgehalten hat. Wie viel Nyima lernt und arbeitet. Dass Antonia Vegetarierin ist, was für Nyima wiederum gewöhnungsbedürftig war. „Nur schwimmen müssen wir dir noch beibringen“, sagt Antonia und lacht.

Text und Fotos: Karl Grünberg, erschienen im Magazin Dialog, November 2019