Rotary Magazin / Frühling 2020

Es gibt Menschen in Deutschland, die haben keine Krankenversicherung. Rentner, Kinder, Frauen und Männer. Der Verein „Medizin hilft e.V.“ kümmert sich um diese Menschen, unter anderem mit einer ehrenamtlich betriebenen Arztpraxis in Berlin. Unser Reporter war vor Ort.

Ein kleines Mädchen steht in der Tür zum Behandlungszimmer. Ordentlich eingepackt in eine flauschige Jacke, denn draußen ist es noch kalt, an diesem März-Donnerstag in Berlin. Ihre dunklen Augen schauen neugierig über die Atemmaske. Die müssen neuerdings alle in der Praxis tragen, wegen der Corona-Pandemie. Emilija heißt das Mädchen, sie ist erst drei Jahre alt, doch ihren Vater zieht sie hinter sich her in den Raum. Jetzt gibt sie dem Pfleger ein High-Five, dann winkt sie den zwei Ärztinnen zu, lässt sich von ihrem Vater auf die Liege heben und hält ihren dick verbundenen Daumen in die Höhe. Sie und ihr Daumen sind bereit zur Begutachtung. So weit, so normal für eine Arztpraxis.

Doch normal ist hier nicht so viel. Die Ärztinnen zum Beispiel, die eine Chirurgin, die andere Kardiologin, arbeiten ehrenamtlich. Zwei von insgesamt 120 Ehrenamtlichen, die sich die wöchentlichen Schichten und Stunden aufteilen. Dann ist da noch die Protokollantin, eine Medizinstudentin, die alles in die Patientenakten einträgt. Und der Pfleger ist eigentlich auch schon in Rente. Dann gibt es noch ehrenamtliche Psychologen, die hier Sprechstunden halten.

Herausforderung Arztbesuch

Jetzt wickelt die Kardiologin den Verband von der Hand ab, Schicht um Schicht, darunter offenbart sich der verfärbte, gequetschte Daumen, ein zersplitterter Nagel und eine große Blase. Plötzlich schreit das Mädchen auf, Tränen laufen ihr über die Wangen: „Mama, Mama“, ruft sie. Der Vater redet leise auf sie ein und singt ihr ein Lied. Was ist eigentlich passiert? Der Vater berichtet: Eine Tür schlug zu, doch ihr Finger steckte noch dazwischen. Es muss sehr weh getan haben. Aber eigentlich nicht weiter gefährlich, ein normaler Unfall eben, wenn man die Verletzung gut behandelt. Eigentlich. Wenn.

Denn in der Welt, in der Emilija und ihr Vater leben, kann man nicht so einfach zum Arzt oder in ein Krankenhaus gehen. Denn dafür braucht man eine Chipkarte und die dazugehörige Krankenkasse. Beides haben sie nicht. Die Familie kommt aus Serbien, der Vater hatte erst Arbeit auf einer Baustelle, wie er erzählt, dann wurde er entlassen. Zuerst hatten sie sich nicht hierher getraut, in die Anlaufstelle des Berliner Vereins „Medizin hilft e.V.“.

Würde man sie überhaupt behandeln? Würde man Dokumente, Namen oder Adressen von ihnen wollen? Würde man sie der Polizei übergeben? Stattdessen warteten sie, ob sich der Daumen nicht verbessern würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Der Finger wurde dicker und dicker, die Schmerzen stärker. Also überwanden sie ihre Furcht und kamen doch: mit der S-Bahn nach Zehlendorf, die Hauptstraße runter, weiter auf den Treptower Damm, links den kleinen Weg zum Haus, dann die Rampe herunter in den Keller. Klingelten und betraten einen Ort, der für viele Menschen in Berlin die letzte Hoffnung ist. Ob Rentner oder Selbstständiger, Geflüchteter oder Obdachloser, für all jene, die das Schicksal oder viel Pech ohne Krankenkasse gelassen hat, kann die Anlaufstelle buchstäblich den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Das Mädchen beruhigt sich wieder. Die Chirurgin sticht die Blase auf, die Kardiologin säubert die Wunde und legt einen neuen Verband auf. „Nächste Woche unbedingt wiederkommen, dann wechseln wir den Verband noch einmal, es ist schon besser geworden“, sagen sie dem Vater. „Danke vielmals, dass es Sie gibt“, sagt der Vater. „Danke“, sagt auch das Mädchen. Der Pfleger legt ihr noch eine Kette um den Hals, daran eine kleine Taschenlampe. Alle Kinder kriegen von ihm eine Kleinigkeit, wenn sie die Untersuchung überstanden haben. Die beiden winken noch einmal, dann verlassen sie den Behandlungsraum.

Planänderung wegen Corona

Herein eilt stattdessen Pia Skarabis-Querfeld. Sie kommt gerade aus dem Gesundheitsamt, wo sie geholfen hat, Fragen besorgter Bürger und Bürgerinnen zu der Corona-Pandemie zu beantworten. Nun will sie schauen, ob die neuen Corona-Hygiene-Regeln in der Anlaufstelle funktionieren. Pia Skarabis-Querfeld ist die Gründerin von „Medizin hilft e.V.“, arbeitet ansonsten als Ärztin der Sportmedizin, und ist circa 15 bis 20 Stunden pro Woche für den Verein im Einsatz, vor allem aber kümmert sie sich um die vielen organisatorischen Arbeiten im Hintergrund.

Normalerweise ist der Warteraum voll mit Menschen“, sagt sie jetzt. „Doch wegen Corona mussten wir unser Vorgehen umstellen.“ Eigentlich haben sie offene Sprechstunden in der Anlaufstelle, jetzt mussten sie auf Termine ausweichen. So befindet sich immer nur ein Patient in der Praxis. Alles wird vorher und nachher desinfiziert, jeder bekommt eine Atemmaske aufgesetzt, vom Pfleger bis zum Patienten. Sollte auch nur ein Corona-Fall bei ihnen auftreten, müsste die Praxis erst einmal geschlossen werden: „Und das wäre für viele Menschen fatal, die nur noch uns als Anlaufort haben, die wirklich nur zu uns kommen können.“

Pia Skarabis-Querfeld ist einer von diesen Menschen, bei denen man sich fragt, woher sie all ihre Energie hernehmen, um auch noch die letzten Minuten des Tages sinnvoll zu nutzen. Sie redet schnell, sie lacht gerne auf und es schmerzt sie, dass sie ihre ehrenamtlichen Kolleginnen jetzt nicht umarmen kann. Aber sicher ist sicher. Dass die Hilfe weitergeht ist jetzt viel wichtiger. Helfen wollte Pia Skarabis-Querfeld auch im Jahr 2014, als sie mit anderen Ärzten und Ehrenamtlichen zusammen den Verein „Medizin hilft e.V.“ gründete.

Scham überwinden

Seit damals, seit 2014, hat sich vieles getan. Heute kommen arme Rentner, ein Leben lang gearbeitet, die sich ihre private Krankenkasse nicht mehr leisten können. Oder Selbstständige, die sich irgendwann entscheiden mussten: Zahlen sie Miete oder Krankenkasse? Insgesamt 60.000 Menschen ohne Krankenkasse gibt es in Berlin. Zu ihnen gehören auch chronisch Kranke, die in der Anlaufstelle ihre wöchentliche Medizin abholen. Wie dieser Schrank von einem Mann, Manfred S., heißt er. „Sehr zuverlässig, sehr freundlich“, beschreibt ihn Pia Skarabis-Querfeld. Manfred war in seinem früheren Leben als Selbstständiger in einem Großhandel tätig gewesen, hatte sich privat versichert, doch nach einer Trennung kam er in Schwierigkeiten, konnte die Krankenkasse nicht mehr bezahlen. Sozialleistungen wollte er nicht beantragen und arbeitete einfach weiter.

20 Jahre lang machte er um Arztpraxen einen großen Bogen, mit jedem Jahr schämte er sich mehr, gleichzeitig breitete sich dieses Taubheitsgefühl aus, in seinen Beinen und seinen Fingern, bis er die Beine fast gar nicht mehr spürte. Plötzlich war da auch diese Wunde am Fuß, die nicht mehr weggehen wollte. Endlich, als es schon fast nicht ging, überwand er seine Scham und rettete damit mindestens sein Bein, wenn nicht sogar sein Leben. Er ging in die Anlaufstelle. Diagnose Zuckerkrank und sofort ins Krankenhaus. Seitdem war er 44mal hier. Verband wechseln, Insulin abholen und mindestens genauso wichtig: sich beraten lassen.

Vom großen Behandlungsraum führt eine Tür in den kleineren Raum 1. Hier stehen ein Computer, ein Tisch, drei Stühle, alles bereit für eine ausführliche Patienten- und Sozialanamnese. Da geht es um die Vorerkrankungen, aber auch um die aktuelle Lebenssituation. „Wie bekommt man den Rentner oder den Selbstständigen wieder in eine Krankenkasse? Wie lassen sich die geschuldeten Beiträge stunden? Welche weiteren psychologische Hilfen sind notwendig? All das sind Fragen, die wir angehen“, sagt Pia Skarabis-Querfeld. Und dann klemmen sie sich an die Leitungen, rufen bei den Kassen an, bei den Ämtern, lassen sich nicht abwimmeln, bis die Situation gelöst ist. Denn: „Wenn man wartet, bis der Notfall eintritt und erst dann behandelt wird, kostet das am Ende für alle mehr. Dem Land, der Gesellschaft, weil die Krankenhäuser im Notfall aufnehmen müssen und der Notfall immer teurer ist als die Prävention. Und den Menschen, weil sie erst dann was tun, wenn es gar nicht mehr anders geht und oft ist es aber auch schon zu spät.“

Es gäbe Patienten, sagt Pia Skarabis-Querfeld, die sie nie wieder vergessen wird. Wie die alte Dame, die sich einfach nicht zum Arzt traute. Ihre Brust schmerze, sagte sie leise, als sie zitternd in der Tür stand. Doch die Brust schmerzte nicht nur, sie war schon offen, ein Tumor wuchs heran. Mit viel Anstrengung und viele Telefoniererei haben sie die Dame erst in die Krankenkasse und dann auf den OP-Tisch bekommen. Man könnte von so vielen Patienten berichten. Einer zum Beispiel brachte am Ende seiner Behandlungszeit viele Gläser selbstgemachten Honig als Dankeschön. Er ist Tischler mit rheumatoider Arthritis in den Fingern, die haben sie mithilfe von Medikamenten lindern und ihn zurück in die Krankenkassen vermittelt können.

Psychische Erkrankungen

Und da ist noch etwas: 50 Prozent der Menschen, die zu ihnen kommen, leiden unter psychischen Erkrankungen. Das sind Suchterkrankungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen. „Für die Betroffenen ist das sehr quälend und häufig auch ein Hinderungsgrund Teil dieser Gesellschaft zu werden“, sagt Pia Skarabis-Querfeld. Oft leiden ganze Familien an der Erkrankung eines einzelnen Familienmitgliedes. Um diesen Menschen besser helfen zu können, unterstützen ehrenamtliche Psychiater mit regelmäßigen psychologischen Sprechstunden. Zusammen mit den Betroffenen entwickeln sie Sofort-Strategien um mit der Krankheit besser im Alltag umgehen zu können. Gemeinsam suchen sie nach weiteren Behandlungsmöglichkeiten.

Im Behandlungszimmer geht es weiter. Obwohl die Corona-Pandemie allgegenwärtig zu sein scheint, die vielen anderen Erkrankungen hören deswegen ja nicht auf. Eine Frau um die 30 Jahre hat ein chronisch entzündetes Ohr. Es tut sehr weh. Sie geben ihr Antibiotika mit. Medikamente bekommt die Anlaufstelle gespendet und eine ehrenamtliche Apothekerin überprüft diese regelmäßig.

Eine andere Frau hat schwere Schmerzen in der Niere, kann kaum noch Laufen und hat erhöhte Temperatur. Klein ist sie und dünn. Geradezu verloren sieht sie aus, wie sie sich da auf dem Stuhl zusammenkauert, der Schmerz hat sich in ihr Gesicht gegraben. Sie hat Nierensteine.  Vor ein paar Monaten wurde deswegen in der Klinik eine Harnleiterschiene eingelegt. Eigentlich hätte diese bereits nach Wochen entfernt werden müssen. Doch sie kann das nicht bezahlen. Die beiden Ärztinnen untersuchen sie, tasten sie ab, machen einen Ultraschall. Auf den Bildern erkennen sie die Schiene und einen Harnstau. „Das bedeutet: Notfall und ab in die Klinik“, sagen sie in besorgtem Tonfall. Abwechselnd erklären sie der Frau die Lage, schreiben ihr eine Überweisung.

So geht es in einem fort. Ein Mann mit dicken Beinen und Herzinsuffizienz kommt auf Krücken hereingehumpelt. Sie zeichnen seinen Herzschlag auf und schauen sich alte Röntgenaufnahmen an.  Eine Frau, die in ihrem Heimatland beschnitten wurde und unter großen Schmerzen leidet, ihr können sie erst einmal nur zuhören, etwas gegen die Schmerzen verschreiben und einen Termin für sie beim Psychologen der Anlaufstelle machen.

Jedem Patienten versuchen sie das zu geben, was er braucht. „Die Arbeit ist sinnvoll und ich habe richtig Zeit für die Patienten, das gefällt mir“, sagt die Kardiologin. „Wir haben so viel medizinisches Wissen angehäuft und hier sind die Menschen, die es brauchen“, sagt die Chirurgin. Dann ist es 18 Uhr. Alle desinfizieren sich noch einmal die Hände. Die Praxis schließt. Für diesen Tag.

Von: Karl Grünberg, erschienen im Rotary Magazin, Mai 2020