Zeichen März 2014 und Migazin.de

Es ist die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei jungen Männern aus Afghanistan. Eine Geschichte, die zeigt, wie viele Grenzen Europa auf einmal haben kann, wenn man wie Mehrzad und Ali nicht dazu gehört.

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Der Bus hält, es ist die vorletzte Station, dann endet Berlin. Mehrzad, 19, und Ali, 25, kommen von einem Deutsch-Sprachkurs, für den sie eineinhalb Stunden durch die Stadt fahren. Sie lachen über etwas auf dem Smartphone, als sie auf das Plattenhaus im Dunkeln zusteuern. Im dritten und fünften Stock glimmen Zigaretten an offenen Fenstern. Drinnen summt Neonlicht. An den Türen stehen keine Namen, nur Nummern. Eine von ihnen machen sie auf, und stehen in ihrem neuen Zuhause auf Zeit: zwei Betten, ein Tisch, ein leerer Schrank, ein Teppich. Fertig. Schuhe aus. Vor neun Monaten haben sie sich in einem Flüchtlingsheim kennen gelernt, jetzt wohnen sie zusammen.

„Es ist gut“, sagt Mehrzad und meint die Wohnung. Zart ist er, seine dünnen Beine passen in eine der angesagten Hipster-Röhren- Jeans. Sein Handy klingelt mit der Melodie des ebenfalls angesagten Spiels „Subwaysurfer“, in dem man einen frechen Sprayer auf der Flucht vor der Bahnpolizei durch Tunnel und über Schienen steuert. Ein Wisch und schon ist man entwischt. Mehrzad war auch auf der Flucht, auch vor Polizei, vor der iranischen, der türkischen, der ungarischen, der serbischen, der deutschen. Wenn man in dem Spiel gefangen wird, kann man einen Schlüssel aktivieren, dann macht es Puff, und man ist wieder frei. Wenn Mehrzad erwischt wurde, gab es den Schlagstock.

„Ich habe Angst“, sagt er und lächelt. Es ist ein Lächeln, das keines ist. Jedesmal, wenn er eine dieser Geschichten erzählt, in denen Bomben Leute zerfetzen, er durch Flüsse schwimmt, sich in Wäldern versteckt, Hunger hat, monatelang durch Europa läuft, lächelt er. Er hat Angst, Berlin wieder zu verlieren, den Sprachkurs, den Freund, das Zimmer. Doch Ungarn hat seine Fingerabdrücke. Es ist einer dieser Regeln, die Europas innere Grenzen wieder aufrichtet. Das EU-Land, in das ein Flüchtling zuerst einreist, ist auch das Land, in dem er seinen Asylantrag stellen und abwarten soll, wie es weitergeht. Glück hat, wer es bis nach Deutschland geschafft hat, ohne erwischt zu werden. Mehrzad hatte kein Glück, direkt an der ungarischen Grenze wurde er eingesammelt und registriert. Deswegen soll er jetzt dorthin zurückgeschoben werden. Die Briefe vom Verwaltungsgericht holt er aus einem prallen Ringordner.

Aber Mehrzad will nicht zurück. Als Erklärung hebt er seinen Arm, drohend, wie ein Schlagstock. Dann berichtet er, wie die Polizei ihn nach Serbien jagte, doch dort wollte man ihn auch nicht und trieb ihn wieder zurück. Ein Wanderer zwischen den Grenzen Europas. Kein Einzelschicksal, so warnt auch das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der UN, vor Abschiebungen nach Ungarn.

Ali legt seine Arme um Mehrzad. Alles wird gut, soll das heißen. Ali kann sich Trost leisten, denn er hat Glück. Seine Geschichte erzählt er im Stil eines Thrillers, man will wissen, wie es weitergeht: von Grenze zu Grenze, Schmugglern mit Masken und Handschuhen, bis er Deutschland erreicht. Erst in München wird er angehalten. Überhaupt unterscheidet sich bei den beiden nicht nur der Standort ihre Fingerabdrücke. Während Mehrzad als Teppichknüpfer seine Familie unterstützte, hat Ali Wirtschaft studiert und arbeitete für ein Logistikunternehmen, das auch die Bundeswehr belieferte. Deswegen musste er vor der Taliban fliehen.

„Wenn ich schon hier sein muss, dann will ich auch was für mich machen“, sagt Ali und hofft auf ein Master-Studium. „Wenn ich wieder nach Ungarn muss, dann ist es vorbei mit mir. Ich will auch was aus meinem Leben machen“, sagt Mehrzad.

Erschienen im zeichen 1 / 2014 und auf migazin.de

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