Tagesspiegel, Februar 2014

Plötzlich steht er in der U-Bahn. Sein Fell weiß, sein Bick drohend, die Eier schaukeln gebieterisch zwischen den Beinen. Er knurrt und zieht seine Lefzen auseinander. Der Terrier zeigt, wer der Chef ist. Mitten in der Nacht, eben aus der Kneipe gefallen, ist das ein Anblick, den man sich nicht vor seinem Gesicht wünscht, schon gar nicht ohne Maulkorb.

Es wird ruhig. Alle starren den Hund und dann die drei Jungs an, die sich hinter ihm aufbauen. Wenn es einen Clown gäbe, der hervorspringt, wenn ein Klischee vorbeiläuft, genau in diesem Moment hätte er seinen Spaß. Kettchen, Gel in den Haaren, weiße Turnschuhe, dicke Arme, breite Kreuze. Die drei Jungs und ihr Vierbeiner platzieren sich, es tutet, die U-Bahn rumpelt los.

Doch das gefällt dem Tier überhaupt nicht. In das eiserne Quietschen von draußen mischt sich sein Winseln. Zitterschübe ziehen über sein Fell, er schaut panisch hin und her. Plötzlich kriecht er Stückchen für Stückchen unter die Bank, so nah ran an die Jungs wie möglich. „Was hast du?“, fragen sie, streicheln ihn, reden mit beschwörender Stimme auf ihn ein: „Nur noch ein paar Stationen, bald hast du es geschafft.“ Winsel, Jaul.

Endlich Hermannplatz, endlich aussteigen, doch der Hund bewegt sich nicht. Sie ziehen an der Leine, locken ihn, versuchen ihn rauszuschieben. Aber er bewegt sich kein Stück. „Nicht schon wieder“, stöhnt einer, nimmt ihn hoch, auf den Arm, wie ein Riesenbaby mit Fell und trägt ihn nach draußen.

Veröffentlich im Tagesspiegel, 5 Minuten Stadt, Februar 2014

Advertisements