Tagesspiegel, 2021

Der große Identitätskonflikt im kleinen Kiezwahlkampf – Cem Erkişi möchte für die CDU ins Abgeordnetenhaus, Tuba Bozkurt für die Grünen. Doch beim Straßenwahlkampf im Berliner Gesundbrunnen wirft das immer wieder Fragen auf.

Der Kandidat macht das, was Kandidaten machen. Er versucht sich zu verkaufen. Straße rauf, Straße runter, Treppen rauf, Treppen runter, an Wohnungstüren klingen und Straßenkreuzungen stehen, Leute ansprechen. Dort der Fahrradfahrer, dahinten die Mutter mit Kind, hier der Nachbar mit Bierdose. Der Kandidat wird weggeschickt, mit einem „Nein“ abgebügelt, manchmal angeraunzt. Wie ein Zeuge Jehovas, der über Gott sprechen möchte.

Diese Begegnungen sind jedoch seine einzigen Chancen. „Ich will jeden einmal gesehen haben“, sagt der Kandidat. Da ist kein Listenplatz, der ihn absichert. Entweder er schafft es direkt ins Abgeordnetenhaus. Oder ist raus. Seine Chancen sind bescheiden. Denn seine Partei, die CDU, spielt im armen Berliner Gesundbrunnen-Kiez in der dritten Liga.

Wo kommt er her? Wo ist seine Heimat?

Da hinten, fünf junge Männer mit nach hinten gegelten Haaren. Sie stehen zwischen einem Gemüseladen und Barbershop, hinter ihnen ein dreckiger Neubaublock, vor ihnen die lärmende Straße. Die Jungs sind aufgekratzt, schubsen sich, zeigen, dass sie da sind. Ernstzunehmende Raufbolde oder im Grunde liebe Jungs? Dem Kandidaten ist es egal. Stimme ist Stimme. Er stellt sich vor, höflich, freundlich: „Hallo, darf ich euch kurz stören? Ich heiße Cem Erkişi, ich trete bei der nächsten Berlin-Wahl für den Gesundbrunnen als Direktkandidat an.“ Schweigen. Dann sagen sie: „Was, ein Türke tritt bei den Wahlen an?“

„Ich sehe mich eher als Deutscher.“

„Du siehst aber aus wie ein Türke.“ „Meine Eltern kommen aus der Türkei.“

„Siehste. Ein Türke also.“

Zack! So schnell geht’s. So schnell ist Cem Erkişi bei der Fragen nach der eigenen Identität. Deutsch? Türkisch? Wo kommt er her? Wo ist seine Heimat? Bezieh Stellung.

Vielleicht muss das so sein, im „Wahlkreis Mitte 6“, in dem zwei von drei Menschen eine Migrationsgeschichte haben. Vermutlich muss das aber auch in diesem Super-Wahlkampf so sein, indem um die Frage nach Identitäten in Berlin wie im Bund so stark gerungen wird wie nie zuvor. Gerade jetzt wieder. Die CDU präsentierte ihre Wahlplakate. Darauf zu sehen: ausschließlich weiße Deutsche. Einer wie Erkişi ist nicht dabei.

Kein Politiker kommt in diesem Jahr an identitätspolitischen Fragen vorbei, bei denen es um die Rechte sozialer Minderheiten geht – und auch nicht an der Debatte, ob manche Meinungen in Deutschland „gecancelt“, also im übertragenen Sinne mundtot gemacht werden. Den Vorwurf, Cancel Culture zu betreiben, erhebt jede Seite gegen die jeweils andere. Ob Klima, Wohnen, Corona, Gender oder Rassismus – permanent scheint es ums Ganze zu gehen.

Im Wahlkreis Mitte 6 ist das laute Getöse der Bundespolitik ziemlich weit weg. Dafür ist hier eine Menge von dem Deutschland zu sehen, das nicht auf den CDU-Plakaten vorkommt. Da ist der Kandidat Cem Erkişi, seine Eltern kommen aus der Türkei, er ist in Duisburg geboren und deutscher Staatsbürger. Da ist aber auch Tuba Bozkurt. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, sie ist in Lübeck geboren und ebenfalls deutsche Staatsbürgerin. Sie tritt für die Grünen an.

Wöchentlich gibt es Schlagzeilen über Schlägereien

Dies ist eine Begegnung mit zwei Direktkandidaten im Straßenwahlkampf. Erkişi und Bozkurt wollen beide auf demselben Ticket ins Abgeordnetenhaus. Für beide ist die Frage nach Identität immens wichtig.

Er sagt: „Erst in der CDU habe ich mich mit meiner Sehnsucht nach Heimat ernst genommen gefühlt.“ Sie sagt: „Jahrelang habe ich mich als Deutsche mit Kopftuch gesehen. Hier in Berlin kann ich aber auch türkisch sein und das ohne Kopftuch.“

Im Gesundbrunnen sind Debatten um Cancel-Culture so fern der Realität wie ein veganes Dinkel-Croissant für zwei Euro. Wenn hier etwas gecancelt wird, ist das die Zukunft der Kinder. Zwei von drei Kindern leben in Familien, die Transferleistungen beziehen. Berliner Höchststand. Kaum ein Kind wechselt auf das Gymnasium, die Wohnverhältnisse sind beengt, gleichzeitig steigen die Mieten. Wöchentlich gibt es Schlagzeilen über Raubüberfälle und Schlägereien.

CDU? Ne, gehnse bloß weg damit.

Mann auf der Straße

Cem Erkişi wohnt in diesem Kiez. Er ist 40 Jahre alt und Erzieher von Beruf. Seit neun Jahre arbeitet er in einer städtischen Brennpunktkita in einem ebenfalls armen Kiez in Neukölln. In der Bildungsgewerkschaft GEW kämpft er für mehr Lohn und generell mehr Kolleginnen und Kollegen. In der Bild-Zeitung sagt er, dass natürlich auch männliche Erzieher Windel wechseln sollen. Im intellektuellen Wochenblatt „Freitag“ warnt er vor religiösem Mobbing in Kitas und Schulen. Auf Facebook argumentiert er für den Erhalt des Berliner Neutralitätsgesetz und damit gegen das Tragen von Kopftüchern von Staatsanwältinnen und Lehrerinnen. Sein Argument: keine politischen oder religiöses Statements von Staatsvertretern!

Nur 10,4 Prozent gingen zuletzt an die CDU

27.000 Menschen dürfen im Wahlkreis Mitte 6 wählen gehen, etwa die Hälfte tat es das letzte Mal auch. 25 Prozent wählten den SPD-Kandidaten. 24,5 Prozent den Kandidaten der Grünen. Gerade mal 10,4 Prozent gingen an den von der CDU. Den Rest teilten sich Linke und AfD. Es kann gut sein, dass dieses Mal die Grünen gewinnen. Und damit Bozkurt.

Tuba Bozkurt, 37, wohnt in Kreuzberg und arbeitet als Unternehmensberaterin für eine „Gesellschaft für digitale Kommunikation“. Diese unterstützt beispielsweise Verwaltungen bei der Digitalisierung ihrer Dienstleistungen für Bürger. Bei den Berliner Grünen ist Bozkurt zudem Antidiskriminierungsbeauftragte – eine interne Position zuständig für Diskriminierungsfälle in der Partei selbst.

Fotocredit: Bodo Vitus

Auf Twitter kritisiert Bozkurt, dass Schülerinnen immer noch „schmerzhaften Rassismus“ durch Lehrkräfte erleiden würden. Auf Instagram postete sie am 1. Juli, dem Tag gegen antimuslimischen Rassismus, ein Foto aus dem Jahr 2009. Darauf trägt sie noch ein Kopftuch und schreibt dazu, wie sehr es sie damals ohnmächtig und wütend machte, dass die schwangeren Marwa El-Sherbini direkt im Landgericht Dresden von einem Mann erstochen worden war, aus rassistischen Motiven. Bozkurt sah sich in der Frau, fragte sich, ob ihr jemand bei einem Überfall zu Hilfe kommen würde.

„CDU? Ne, gehnse bloß weg damit.“ Der Mann fuchtelt mit den Armen und wird laut. „Gehnse weg, habe ich gesagt!“ Mitte 50 wird er sein, eine Schirmmütze hat er auf dem Kopf, Typ: ordentlicher Nachbar. Neben ihm eine Frau, die schüttelt ebenfalls ihren Kopf und schaut böse. Abrupt drehen die beiden sich jetzt um, fassen sich an den Händen, lassen Cem Erkişi stehen.

Etwas später raunzt ihn ein Fahrradfahrer an. Eine Frau lächelt mitleidig. Ein Imbissbesitzer schimpft, dass Merkel gegen die Türkei sei. Erkişi lächelt zweckoptimistisch. Sagt jemand einfach Nein, akzeptiert er das. Sagt jemand etwas gegen die CDU, diskutiert er los. Erkişi hat ein kleines Bäuchlein, nettes Lachen, glattrasierte Wangen und kurzes dunkles Haar. Wenn er spricht, braucht er immer etwas, bis er in Gang kommt.

Dieses Gesetz ist eine Botschaft an die Frauen, die ein Kopftuch tragen. Putzen dürft ihr die Schulen, das Gericht, aber als Lehrerin, als Staatsanwältin arbeiten dürft ihr nicht.

Tuba Bozkurt

Der letzte CDU-Direktkandidat holte im Bezirk 1469 Stimmen. Mindestens das will Erkisi schlagen. Alles andere sei Träumerei, wie er sagt. Doch manchmal träumt er: „Cem im Abgeordnetenhaus, als Erzieher aus dem Wedding, dessen Eltern aus der Türkei kommen und das für die CDU. Ich weiß gar nicht, ob die CDU jemals so einen Kandidaten hatte wie mich.“

Jeden Tag ist er unterwegs. Allein. Kein großes Wahlkampfteam, kein PR-Büro, das ihm Flyer schreibt oder Slogans entwirft. „All das muss man wirklich wollen. Es gibt ja niemanden, der einem sagt, jetzt musst du los, jetzt solltest du aber mal. Da bin nur ich und mein innerer Schweinehund“, sagt er.

Man könnte sagen, das sei der Preis dafür, wenn man gewählt werden möchte. Sicher. Andererseits sind Erkişi und Bozkurt so etwas wie der Bodensatz des demokratischen Systems. Keine Berufspolitiker, keine bekannten Gesichter, sondern bloß zwei Ehrenamtler, die sich nach ihrer Arbeit in den Wahlkampf schmeißen.

Ein hipper Vater mit Vollbart bleibt stehen, sein Kind schickt er schon einmal auf den Spielplatz. Der Vater studiert den Flyer und sagt dann: „Gute Kitas sind ja wichtig. Aber warum treten ausgerechnet Sie für die CDU an?“ Da ist es wieder.

Früh entschied er sich, nur Deutsch zu sprechen

„Ja, meine Eltern kommen aus der Türkei“, sagt Cem Erkisi, „aber ich sehe mich als Deutscher und fühle mich damit in der CDU ganz gut aufgehoben.“ Weil den meisten Mitdeutschen das mit seinem Namen schwer fällt, hat er es sich angewöhnt den Haken unter dem „s“ wegzulassen – auf Facebook, seinen Flyern, selbst auf seinem Klingelschild. Mit Haken sagt man „Erkischi“, ohne Haken „Erkisi“. „So ist es einfacher für alle“, sagt Erkişi.

Als Kind hatte er sich bewusst dafür entschieden nur noch Deutsch zu sprechen. Auch wenn seine Eltern ihn auf Türkisch ansprachen.

Als Jugendlicher ging er auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus. Doch unter seinen linken Freunden war alles verpönt, was nach Heimat roch. „Die machten es sich leicht“, sagt Erkisi. „Sie haben eine Heimat, auch wenn sie so tun, als ob sie sie nicht mögen.“ Er war aber auf der Suche. Doch wo sollte er Heimat finden? In Deutschland, wo er als „Kanacke“ tituliert wurde? In der Türkei, das die Heimat seiner Eltern war, aber nicht seine?

In dieser Gemengelage, wohin er denn nun gehöre, reichte er seinen Mitgliedsantrag bei der Weddinger CDU ein. „Und was machte der Ortsvorsitzende, als er mich das erste Mal begrüßte? Er sprach meinen Namen richtig aus. Erkişi.“

Politisch findet er sich in der Abgrenzung zum Islamismus wieder, in der Befürwortung des Berliner Neutralitätsgesetzes und Forderung nach Integrationswillen, wenn man in Deutschland leben möchte. Konkret heißt das: wenn die Kinder kein vernünftiges Deutsch lernen, haben sie schon verloren. Etwas, dass Erkişi in seiner Brennpunktkita häufig erlebt hat. Für Tuba Bozkurt ist es genau dieses Neutralitätsgesetz, das gesellschaftliche Ungerechtigkeit zementiere. „Dieses Gesetz ist eine Botschaft an die Frauen in diesem Kiez, die ein Kopftuch tragen. Putzen dürft ihr die Schulen, das Gericht, aber als Lehrerin, als Staatsanwältin arbeiten dürft ihr nicht.“

Sie sollte nicht auffallen, das gäbe nur Ärger

Bozkurt hat lange schwarze Haare, auf der Nase eine große Brille, sobald es warm genug ist, trägt sie Kleider in starken Farben. Wenn sie erklärt, dass schon die Verfassung mit ihrem Gottesbezug in der Präambel nicht neutral sei, dass Kirchensteuern nur für anerkannte Kirchen eingezogen werden, dass es bei der Bundeswehr immer noch keinen Militär-Imam gebe, reihen sich ihre Sätze nahtlos und eloquent aneinander.

Fotocredit: Bodo Vitus

Überhaupt geht es bei ihr viel um Gerechtigkeit. Leute sollen nicht gezwungen werden, sich zu integrieren, sondern mitgenommen werden. Sie selber habe als Kind natürlich am Schwimmunterricht teilgenommen, aber mit Radlerhose und Badekappe. So war es für sie, für ihre Eltern und den Lehrer in Ordnung.

Läuft man mit Bozkurt die Badstraße entlang, drängelt sich mit ihr vorbei an den vielen Menschen, entschuldigt sie sich erst für die Lautstärke, sagt aber dann, dass sie sich hier besonders wohlfühle. „Es sind lauter Leute wie ich.“ Damit meint sie Menschen mit türkischem, arabischem Hintergrund. „Es sind vertraute Gesichter. Sie könnten zu meiner Familie gehören.“

Bevor man sich versieht, steckt man schon wieder drin, in der Diskussion um Identitäten. Bozkurt sieht sich als „deutsch-türkische Muslima“. „Bis ich 27 Jahre alt war, habe ich ein Kopftuch getragen. Weil ich nach außen zeigen wollte, dass das geht: in einer Provinz in Westdeutschland leben, mit Eltern aus der Türkei, mit einem Kopftuch und trotzdem eine Deutsche zu sein.“

Ihr Vater hatte sich eine demütige Art zugelegt

Ihr Vater habe sich in den Fabriken, in denen er gearbeitet hatte, eine demütige und zurückhaltende Art zugelegt. Immer wieder sagte er ihr, dass sie bloß nicht auffallen solle, weil das nur Ärger gäbe. Als sie einmal zur Klassensprecherin gewählt wurde, war das zu viel für ihn. Berlin war eine Befreiung. „Hier kann ich auch selbstverständlich türkisch sein und meine beiden Identitäten versöhnen sich miteinander, weil ich selbstbestimmt leben kann.

Der Vorwurf der Identitätspolitik, sei „eine Art Superkeule“, findet sie. Jeder habe seinen Blickwinkel auf die Welt. Bisher waren es eben „weiße, alte Männer“ die bestimmten, was Norm war und was nicht. Menschen mit anderen Hintergründen kamen nicht vor. „Wir von den Grünen haben aber den Anspruch für die Gesamtbevölkerung Politik zu machen und das geht nur multiperspektivisch.“

Multiperspektivisch heißt aber auch, dass sie hier im Gesundbrunnen lernen musste, dass viele „der migrantischen Väter“ wenig Verständnis für Fahrradwege und eine Reduzierung des Autoverkehrs haben. „Ihr seid doch die, die immer die Fahrradwege bauen“, kriegt sie, die Grünen-Politikern, gesagt. „Diese Väter sind auf das Auto angewiesen, weil es für eine große Familie häufiger die günstigste Variante ist, irgendwohin zu kommen“, erklärt Bozkurt. Als Abgeordnete wäre es ihr Job, auch diese Sicht einzubringen.

Welcher der Kandidaten es am Ende auch wird – Kinder von in Deutschland eingewanderter Eltern bewerben sich als Direktkandidaten für ein politisches Amt. Dabei streiten sie sich, was diese deutsche Heimat für sie bedeutet.

Nachtrag: Tuba Bozkurt gewann den Wahlkreis Mitte 6 und konnte ins Abgeordnetenhaus einziehen. Cem Erkişi lag sogar unter dem letzten CDU-Ergebnis von 2016.

Text: Karl Grünberg, erschienen im Tagesspiegel, 2021