Dialog / Frühling 2020

Es wurde vor 70 Jahren abgeschafft, doch immer noch beherrscht das Kastensystem den Alltag der Menschen in Indien. Wie eine junge Frau damit umgeht, zu der Kaste der Unterdrückten und Ausgegrenzten zu gehören.

Eine Hand liegt auf dem Tisch. Eigentlich ist es eine ganz normale Hand. Ein bisschen faltig vielleicht, ansonsten sind da fünf normale Finger, an einem steckt sogar ein Verlobungsring. Eine Hand so normal wie jede andere auch. Und dann wieder nicht. Denn immer noch würden viele Menschen, Millionen von Menschen, von ihr nicht berührt werden wollen. Als unrein soll das gelten, man selber sei dann verschmutzt und müsse sich mit aufwendigen Reinigungsritualen wieder „entschmutzen“.

Manchmal wird jemand verprügelt oder sogar totgeschlagen, sollte diese Berührung doch einmal passieren, aus Unbedachtheit, aus Versehen oder aus Liebe. Auch der Verlobungsring an dieser Hand ist ein Tabu. Noch wissen die Eltern nichts von der Liebe und dem Wunsch zu heiraten, der hinter diesem Ring steht. Es wäre eine Heirat zwischen einer jungen Frau aus der untersten der unteren Kaste und einem jungen Mann aus der mittleren Kaste. Für viele eine Schande und manch einer würde so eine Heirat mit aller Gewalt verhindern wollen.

Schande, Unrein, Verschmutzung, unberührbar – das sind Vokabeln eines Gesellschaftssystems, das es laut Gesetzt eigentlich nicht mehr geben sollte, das aber dennoch omnipräsent ist. Willkommen in der Welt von Ankita, 25 Jahre alt, aus Indien. Eine Welt, die sich im beschaulichen, ruhigen Göttingen sehr weit weg anfühlen kann. „Für die Deutschen bin ich nur die Inderin. Das ist für mich eine echte Erholung. So kann ich eine Pause davon machen, als Dalit gesehen zu werden. Denn in Indien ist es das, wonach ich beurteilt werde. Nicht meine Leistungen zählen, nicht meine Arbeit. Nein, meine Kaste sagt den anderen, wer ich bin und was für eine Wertigkeit ich habe“, berichtet die junge Frau mit den dunklen Augen und den langen dunklen Haaren. In Göttingen lebt sie als Austauschstudentin und beschäftigt sich am „Centrum für Indien Studien“ mit indischer Geschichte und Anthropologie. Sie will besser verstehen können, wie das Kastensystem funktioniert und wie es vielleicht verändert werden kann. In Indien hatte Ankita bereits Jura studiert und als Anwältin gearbeitet, ihre Familie ist gebildet und gehört der materiellen Oberschicht an. Doch wie ist das, auf der einen Seite sehr erfolgreich zu sein und auf der anderen in einem System zu leben, in dem andere einen zu den Niedersten zählen, die nicht einmal berührt werden dürfen? 

„Am besten ich fange ich bei meinen Urgroßeltern an“, sagt sie und lacht. Denn alles hat mit allen zu tun und vor allem mit der Herkunft. Da sind ihre Eltern, die peinlichst darauf achteten, ja nicht als Dalits aufzufallen. Da sind die Großeltern, die tagsüber auf die Tiere der höheren Kasten aufpassten oder auf deren Feldern schufteten und abends auf der Straße im Schein der Straßenlaternen für die Schule und für die höhere Bildung büffelten. Und Ankita erzählt von ihren Urgroßeltern, denn sie waren es, die zu den Großeltern gesagt haben: Ihr müsst lernen, ihr müsst hart arbeiten, ihr müsst das Dorf verlassen und in die Stadt ziehen, denn nur so könnt ihr dieser Hölle entkommen. 1950 war das. Indien war gerade unabhängig geworden. Hölle bedeutet, dass Dalits jederzeit und ohne Konsequenz verprügelt, misshandelt und getötet wurden, ohne dass Polizei oder Justiz dagegen unternahmen. Gesetze waren das eine, der Alltag und Tradition auf dem Land das andere.

Ankitas Sätze klingen so leicht, ihre Stimme so melodisch, wie ein harmloser Singsang, wie als wenn sie vom letzten Kinobesuch berichtet. Und immer, wenn sie von einer Begebenheit erzählt, die besonders hart zu ertragen ist, dann lacht sie auf, vielleicht aus Unglaube, dass so etwas heute immer noch passiert, vielleicht weil es sich absurd anhört, hier in Göttingen, so weit weg von zuhause. Ankita hat keine Gewalt ertragen müssen. Doch manchmal sind die konstanten Fragen, die vielen abschätzigen Blicke auch eine Form von Gewalt. „Aus welcher Kaste kommst du?“ „Aus welcher Kaste sind deine Eltern.“ „Du hast so eine dunkle Hautfarbe, du bist doch eine Dalit, oder?“ Tag ein Tag aus. Frage um Frage. Als ob nichts anderes zählt.

Das indische Kastensystem ist mehr als 1000 Jahre alt und eng mit dem hinduistischen Glauben verwoben. Wobei der Begriff „Kaste“ eine Fremdzuschreibung der ersten europäischen Kolonialisten war. In Indien gibt es die Begriffe Jati und Varna. Jati bedeutet Wurzel oder Gattung und bezeichnet Bevölkerungsgruppen und deren Hierarchie zueinander. Im großen Indien mit seinen vielen Regionen und Sprachen gibt es mehr als tausend davon. Varna wiederum heißt Farbe und bezieht sich auf die vier mythologisch begründeten Kasten. Demnach gab es einen Urmenschen, aus dessen Mund der Priester entstammt, das ist der Reine und Oberste. Aus der Schulter kommt der Krieger, das sind die Könige und Anführer, aus dem Schenkel die Händler und aus den Füßen die Bediensteten, Bauern, und Handwerker.

Außerhalb dieser Hierarchie stehen die Dalits, übersetzt bedeutet das die „Unterdrückten“, einen Namen, den sie sich selbst gegeben haben. Häufig werden sie aber auch als die „Unberührbaren“ bezeichnet, was aber an und für sich schon eine diskriminierende Wirkung hat. Dalits waren für die Leichenverbrennungen zuständig, machten die Wäsche sauber, reinigten die Straßen, stellten Leder her, schlachteten Tiere, erledigten also Arbeiten, die als unrein gelten. Deswegen durften Dalits nicht berührt werden. Selbst ihre Schatten durften nicht berührt werden. Sie durften nicht auf derselben Straßenseite laufen. In den Dörfern haben sie am Rande ihre eigenen separierten Wohnbereiche. Sie durften nicht aus demselben Brunnen trinken. Vor allem aber sollten sie den höheren Kasten gehorchen und zum Beispiel kostenlos für sie arbeiten. Heute sind Dalits vor allem arme, landlose Arbeiter und machen circa 16 Prozent der Bevölkerung aus.

1947 erklärte Indien seine Unabhängigkeit von dem Britischen Königreich. Der neue Staat erließ eine Reihe von Gesetzten, die die Diskriminierung aufgrund der Kaste verhindern sollten und die Angehörigen der Dalit-Kaste den Zugang zu Bildung und Arbeit erleichtern sollte. Das war auch der Moment, in dem Ankitas Urgroßeltern die Großeltern in die Schule schickten. Die Dalit-Kinder mussten draußen sitzen oder in den letzten Reihen, immer mussten sie die Toiletten für die anderen „reineren“ Kinder saubermachen. Aber sie lernten. Und das war ein Anfang. Bildung war der Schlüssel für den Aufstieg der Familie. Heute arbeitet Ankitas Vater in hoher Position für die Indische Eisenbahn.

„Gleichzeitig ist mein Vater immer besorgt und immer wachsam, nie etwas Falsches zu machen und immer härter zu arbeiten, als alle anderen“, sagt Ankita. Und ihr brachte man bei, immer gerade zu sitzen, immer den Löffel ordentlich zu halten, nicht zu rennen, nicht faul zu sein, damit man sie nicht für einen Dalit hält. Auf ihrer ganzen Familie lastet ein Druck nicht mit ihrer Herkunft in Verbindung gebracht zu werden. Ankita aber will es jetzt anders machen. „Es ist an der Zeit. Indien ist ein modernes Land. Wenn ich Kinder habe, soll das keine Rolle mehr spielen. Ich bin eine Dalit. Und stolz darauf, was ich erreicht habe“, sagt sie.

Bevor sie Kinder bekommt, möchte sie heiraten. Doch der Mann, den sie sich dafür ausgesucht hat, ist Angehöriger einer höheren Kaste. „Es wird ein großes Problem werden, es den Verwandten meines Freundes zu verkünden“, sagt sie. „Wir wissen nicht was dann passiert. Alles kann passieren. Seine Eltern können mich ja noch mögen, aber dann gibt es noch all die anderen, die mich nicht kennen, die mich nach meiner Kaste beurteilen. Kastendruck nennt man das.“ Das Widersprüchliche: Rein ökonomisch steht Ankitas Familie viel besser da als seine. „Die Menschen, die auf die Kaste pochen, möchten an ihrem falschen Stolz und ihrer falschen Macht festhalten“, sagt Ankita und klingt dabei zum ersten Mal wütend. Wütend über ein System, dass sie verändern möchte.

Text und Foto: Karl Grünberg, erschienen im Dialog-Magazin / Frühling 2020