Publik-Forum, März 2016

Viele Stadtkinder waren noch nie in einem Wald und sind auch noch nie auf einen Baum geklettert. Was ihnen entgeht und wie viel Kinder vom Wald lernen können, zeigt ein Besuch in einem Waldkindergarten und einer Waldschule in Berlin.

Echte Berliner Stadtkinder stehen vor einem echten Berliner Wald. Dunkel ist es da drin, nass und kalt. Misstrauisch schauen sie auf den Weg, der sich in den gefährlichen Forst schlängelt. Da sollen sie jetzt hinein? Es ist die vierte Klasse einer Grundschule aus dem Bezirk Kreuzberg. Sie tragen Rucksäcke mit Walt-Disney-Märchenfiguren, haben sich in dicke Jacken gemummelt, manche aber bibbern in zu dünnen Turnschuhen oder Leggings.

Sie dürfen, nein, sie sollen jetzt in den Wald rennen und schreien. Ungläubig schauen die 25 Kinder auf die Waldpädagogin Nadine Albrecht. „Echt jetzt?“ In den Wald laufen und laut sein? Zögerlich setzen sie ihre Füße vom Asphalt auf den feuchten Waldboden. „Ihh“, kreischt ein Mädchen und zeigt auf das Laub. Ein glänzender Mistkäfer. Doch dann toben die ersten los und die anderen zieht es hinterher, in den Wald, ins Abenteuer. Keine Autos, keine Straßen, keine Grenzen, einfach los.

Stadtkinder in den Wald bringen, Natur erleben, einen Gegenpol zum schnellen Takt der hektischen Großstadt. Wenigstens einmal im Jahr wollen die Berliner Forsten jedem Berliner Schüler einen Waldbesuch ermöglichen, damit die Kinder die Ruhe spüren lernen, die Natur erleben und ihre Schätze entdecken. Deswegen haben die Förster sieben Waldschulen mit besonders geschulten Pädagogen eingerichtet. Neu dabei sind zwei sogenannte „Rucksack“-Waldschulen. Mobil sollen sie dahin kommen, wo es für Schulklassen und Kitagruppen am nächsten ist.

„Hier im Wald passiert so viel mit den Kindern“, sagt Nadine Albrecht, 34 Jahre alt und Waldpädagogin der Rucksackwaldschule „Eichhörnchen“. Jetzt steht sie inmitten der keuchenden Kinderrunde. „Wer von euch war schon einmal im Wald?“, fragt sie. Ein Mädchen hebt zögernd die Hand. Dann ein Junge. Am Ende ist es nur eine Handvoll. Die anderen standen noch nie zuvor unter einem Blätterdach und sind auch noch nie auf einen Baum geklettert. „Kein Einzelfall. Das ist leider immer häufiger so“, sagt Nadine Albrecht.

Wer sich mit der Waldpädagogin unterhält, merkt schnell, dass es beim Thema Kinder und Natur um mehr geht, als um einen Tag Spaß im Wald. Es geht um die große Frage, wie wir unsere Kinder in dieser technologisierten Welt großziehen wollen, zwischen Häuserschluchten und Autokolonnen, zwischen Leistungsdruck und durchgetakteter Kindheit, zwischen Bildschirmen, Fastfood und Bewegungsarmut. 2015 befragten Erziehungswissenschaftler der Universität Bielefeld 1100 Schüler und ihre Eltern in Berlin, Köln und Dresden. Sie fanden heraus, dass knapp 20 Prozent der 6- bis 16-Jährigen besonders stark gestresst sind. Die Ursache: Die Schüler machten sich Sorgen oder waren emotional erschöpft. Sie beklagten zu viele Termine und zu wenige freie und selbstbestimmte Zeit, dazu ein zu hoher Erwartungs- und Leistungsdruck, der sogar körperliche Auswirkungen wie Kopfschmerzen und Bauchschmerzen hatte.

Ob Kita, Grundschule oder Oberschule: Jeden Tag ist Nadine Albrecht im Wald unterwegs, jeden Tag mit anderen Kindern. So bekommt sie einen guten Überblick über die Auswirkungen der aktuellen Schwierigkeiten. Sie berichtet von einem Mädchen, das vor einem umgefallenen Baumstamm stand und einfach nicht weiter wusste. Die 10-Jährige erkannte weder die Möglichkeit drum herum zu laufen, noch drüber hinweg zu klettern. Oder Kinder, die es unheimlich finden, den Weg zu verlassen und im Wald herumzutoben, weil sie normalerweise immer ihre Eltern an ihrer Seite haben. Oder Kindern, die sich nicht dreckig machen dürfen. Als die Hosen dann doch mit Schlamm bespritzt waren, hatten sie solche Angst vor den Reaktionen ihrer Eltern, dass sie anfingen zu weinen. Oder Kinder, die zu dick sind, um in die Hocke zu gehen, um beim Eichhörnchenspiel mitzumachen.  Andere, die sich gegenseitig nicht ausreden ließen, die nicht teilen und sich bis auf Tränen um einen Stock stritten, obwohl der Wald voller Stöcker ist. Ein Tag im Wald ist wie ein Seismograph, der gesellschaftliche Erschütterungen aufzeichnet und erkennbar macht.

Professor Helmut Schreier, Erziehungswissenschaftler und Autor des Buches „Kindheit in der Krise“, sieht in der fehlenden authentischen Naturerfahrung von Kindern sogar eine Gefahr für ihre Entwicklung: „Die Natur selber zu erfahren, sich in ihr frei zu bewegen, einfach nur zu spielen, die Umgebung zu entdecken, all das wird weniger. Dafür werden die Bildschirme zu Kindermädchen und zum Abenteuerersatz. Gleichzeitig nimmt der Leistungsdruck zu, bei den Eltern und den Kindern. ADHS wird prognostiziert und Ritalin verschrieben, so häufig wie nie zuvor. Dabei bietet die Natur alles was Kinder brauchen: Selbstbewusstsein, Wirksamkeit, Abenteuer, Entdecken, Motorik.“ Geht es nach Helmut Schreier, solle man die Kinder einfach mit anderen Kindern im Wald spielen lassen. Oder selber mit den Kindern in den Wald gehen, mit Respekt vor der Natur und genügend Zeit und Pausen zum Entdecken und spielen.

Einfach im Wald spielen. Jeden Tag. Das können die Kinder des Berliner Waldkindergartens „Waldläufer“. Bei Sonne oder Regen, bei Sommerhitze und auch bei winterlichen Minusgraden sind die Kinder mit ihren Erziehern Paul und Andreas draußen unterwegs.

Der Tag bei den Waldläufern beginnt mit einem Morgenkreis. Jetzt im Winter kuscheln sich die Kinder in der Lehmhütte aneinander. In der Mitte brennt ein Lagerfeuer. Es wirkt wie die Szene eines Abenteuerfilms. An den Wänden hängen die Schädelknochen von Mäusen, Wildschweinen und Rehen. Jedes Kind hat einen Waldnamen zusätzlich zum eigenen verliehen bekommen: Lino Buntspecht, Sati Veilchen, Thiago Johanneskraut oder Dario Uhu. Sie singen Lieder und besprechen, an welche der abenteuerlichen Orte sie heute gehen wollen: In die Drachenschlucht, ins Rapunzelhaus oder zum See? Die kleineren Kinder gehören zu den Füchsen, die Großen zu den Luchsen.

Frühstück: Gegessen wird natürlich draußen, an zwei Tischen unter dem Vordach einer kleinen aber bunt mit Tüchern, Bildern und Fahnen behangenen Hütte. Die Kinder packen ihre Stullen aus. Drei Schafe kommen um die Ecke und schauen, ob es bei den Kindern etwas zu holen gibt. Das ist normal. Die Kinder kennen die Schafe und die Schafe kennen die Kinder.  Nun aber ab in den Wald. Angezogen sind sie ja eh schon, sie holen nur noch ihre Handschuhe und Mützen aus den Fächern. Es fällt auf, wie selbstständig die Kinder agieren. Sie holen sich ihre Sachen selber, sie ziehen sich selber an und sie passen selber auf, dass sie ihre Rucksäcke mit Trinken und Essen dabei haben und dass keine Handschuhe fehlen.

Kinder im Wald 4Pforte auf. Langsam stapft die Schar vorwärts. Erzieher Paul mit seinem großen Wanderstock mittendrin. Ein Kind an der Hand. Ein anderes hält sich an seinem Stock. Zusammen schlittern sie über den vereisten Weg. Manche Kinder purzeln, andere lassen sich fallen und rutschen drauf los. Lino Buntspecht hat eine kleine Eisscholle aufgeklaubt und hält sie ins Licht. Dann lutscht er dran. Die anderen Kinder wollen auch. Reihum spüren sie das kalte Eis auf der Zunge. „Mmh, das ist gut.“

Weiter geht’s. Manche rennen vor. Andere bleiben hinterher und untersuchen ein Stück Moos. Die Erzieher begleiten sie und passen auf, dass nichts passiert. Ansonsten lassen sie die Kinder einfach machen. „Angebotspädagogik gibt es bei uns nicht. Der Wald ist Angebot genug. Hier gibt es alles und der Fantasie der Kinder ist keine Grenzen gesetzt“, sagt Paul. Und wirklich: Mitten in einer glänzenden Schneelandschaft angekommen, schwärmen die Kinder aus. Manchen bauen an der Höhle vom letzten Mal weiter, andere sägen Äste von umgefallenen Stämmen, wieder andere erkunden die Gegend. Hämmer, Sägen und Schippen können sie sich gegen einen Pfand bei den Erziehern ausleihen. „Damit sie es wertschätzen. Ansonsten haben wir kein Spielzeug. Stöcke, Tannenzapfen, Steine, Insekten sind genug. Deswegen gibt es bei uns auch keinen Streit um den letzten Legostein“, erklärt Andreas. Die Kinder können Bäume und Kräuter bestimmen, wissen wie welcher Vogel klingt und welche Waldspuren zu welchen Tieren gehören. „Der Wald macht die Kinder selig“, sagt Andreas.

Kinder im Wald 3In Berlin gibt es inzwischen 14 Waldkindergärten. Sie Waldwichtel, Waldmäuse, Robin Hood oder Wurzelkinder und sind alle erst in den letzten 10 bis 15 Jahren entstanden. Es scheint, als ob Stück für Stück der Wald ins pädagogische Programm zurückkehrt. So nehmen auch normale Kitas den wöchentlichen Waldbesuch wieder in ihr Programm auf und werben damit auf ihren Webseiten.

Auch die Kinder der vierten Klasse, die mit der Rucksackwaldschule unterwegs sind, haben sich vom Zauber des Waldes einfangen lassen. Waldpädagogin Nadine Albrecht entdeckt einen Baum, an dem die Rinde bis auf den Stamm abgeschabt ist und eine Schlammstelle davor. „Das ist eine Badewanne“, sagt sie zu den Kindern. „Was glaubt ihr, von wem?“ „Echt, eine Badewanne?“ „Ihh, wer badet denn im Schlamm?“ Die Kinder sind wie angeknipst. Sie fragen, sie überlegen, erkunden die Stelle und finden Wildschweinhaare am Baumstamm. Die Suche nach der Antwort macht ihnen Spaß. Sie melden sich und haben Ideen.

Dann schauen sie noch, wo die Rehe schlafen. Sie verstecken Eicheln wie die Eichhörnchen und schleichen sich an eine Baumhöhle, aus der sogar ein Kauz seinen Kopf herausstreckt. Die Kinder sind so still und schauen konzentriert nach oben. Eine Minute, zwei Minuten. Niemand rührt sich. Überhaupt sind sie wie ausgewechselt. Am Anfang waren sie noch ängstlich und vorsichtig und nun voller Abenteuerlust und Spaß.

„Wald verändert“, sagt Nadine Albrecht, „schon nach ein paar Stunden. Die Lauten und die Angeber werden leise, und die Leisen drehen auf und machen mit. Hier können Kinder zeigen was in ihnen steckt und gleichzeitig einfach Kinder sein.“

Vielleicht ist die Antwort auf Frage, wie wir unsere Kinder in dieser modernen Welt erziehen wollen ganz einfach: Wir finden gleichzeitig den Weg zurück in die Natur.

Von: Karl Grünberg, Berlin, März 2016, erschienen in Publik-Forum.

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