„Die Kirche“ und „Zeichen“, Juli 2016

Wie sich eine Pfarrerin in Brandenburg gegen rechte Einflüsse in ihrer Kirche wehrt.

Eine Katze spaziert den Bahnsteig entlang. Sie schaut nach links, nach rechts und lässt sich auch nicht von der Regionalbahn verscheuchen, die da Schlag volle Stunde aus Frankfurt (Oder) heran kriecht. Zwei Leute steigen aus, zwei Leute steigen ein. Willkommen in Storkow, einer kleinen Stadt mitten in Brandenburg: 9.268 Einwohner, eine Burg, ein Marktplatz, eine Stadtverordnung mit 18 Mitgliedern, ein Mittelstandsverein und eine Kirche. Die Pfarrerin hier heißt Judith Kierschke, ist 37, und lebt mit ihrer Familie im Gemeindehaus.

Alles schön. Alles heil.

Doch vor einem Jahr kamen 130 Flüchtende aus der ganzen Welt nach Storkow. Frauen, Kinder, Familien, junge Männer, untergebracht in einer Wohnsiedlung am Rande des Städtchens. Das löste zwar kein Erdbeben plötzlicher Ängstlichkeit aus, wie in anderen Orten Brandenburgs, dennoch fragten sich viele Storkower, ob und wie die Aufnahme, die Veränderung zu bewältigen sei.

Für Pfarrerin Kierschke begann eine Zeit des Abwägens. Wie viel Angst kann sie auffangen? Wie viel rechte Parolen darf sie dulden?

In ihrer Kirche, einem gedrungenen Bau, solide verkrallt in der Brandenburgischen Scholle, fand die erste Bürgerversammlung dazu statt. Das Kirchenschiff voll, alle Bänke besetzt, es war das bewegende Stadtthema: Flüchtlinge, jetzt auch bei uns.

Würden Rechte versuchen, die Veranstaltung zu kapern, wie es in anderen Gemeinden passiert ist? Kierschke hatte vorgesorgt: Die zwei Stadt-Polizisten waren da, außerdem Konfliktlotsen, die Bürgermeisterin und ein für das Thema Verantwortlicher vom Landkreis. Doch die meisten Storkower wollten einfach mehr wissen. Wo kommen die Flüchtenden her, wer sind sie, wo werden sie wohnen, wer sich um sie kümmern? Plötzlich meldeten sich junge Männer aus den letzten Reihen, NPD-Mitglieder, wie Kierschke später herausfand. „Wir haben Angst“, sagten sie. „Unsere Frauen werden vergewaltigt“, sagten sie. „Wer kümmert sich um uns Deutsche?“, fragten sie.

Kierschke antwortete: „Wenn sie Angst haben, dann beten sie, das hilft.“

Über ihre Schlagfertigkeit ist Kierschke heute immer noch erstaunt. Mit den Flüchtenden musste Kierschke sich plötzlich um vieles kümmern. Sie gab Deutschunterricht, wurde Vorsitzende des Integrationsbeirates, vernetzte, kümmerte sich und organisierte Hilfe. Ziel: Die neuen Storkower sollen ankommen, sich zu Hause fühlen und bleiben wollen. Ja. Richtig. Die größte Sorge des Storkower Mittelstandvereins ist es, dass die Flüchtenden nach Berlin oder andere Großstädte abwandern. Storkow braucht sie doch als Arbeitskräfte, dringend.

Wenn Storkow vom Nachrichtenstrom abgeschnitten wäre, der Bild für Bild und Byte für Byte in die Stadt strömt, wäre es vielleicht ruhig geblieben. Doch die aufgeregten Nachrichten über mehr und mehr Flüchtende, über AfD und Pegida, über sexuelle Übergriffe in Köln und Terroranschläge in Paris, veränderte auch das Gefühl in Storkow, obwohl es in der kleinen Stadt selber keinen Grund gab.

„Die paar Flüchtlinge fallen nicht auf, weder werden sie kriminell, noch sind sie im Stadtbild präsent. Es ist, als ob sie nicht da wären“, sagt Kierschke. Doch Mitglieder ihrer Gemeinde, vor allem die Älteren, beginnen sich zu ängstigen, diffus, über zu viel und zu fremd. „Ängste haben, das ist völlig in Ordnung, da müssen wir drüber reden und uns auseinandersetzen“, sagt Kierschke. „Hass säen hingegen, das geht nicht.“

Und doch waren sie plötzlich da, der Hass und die Zwietracht, mitten in ihrer Kirche, in Person einer netten Frau mittleren Alters, die im Chor mitsingt. Eine Frau, mitten aus Storkow, zwei Kinder, zwei Katzen, wie sie auf ihrer persönlichen Webseite schreibt. „Sie ist doch so nett und lieb und sagt nur, was die Storkower denken“, bemerkte ein Gemeindemitglied zu Pfarrerin Kierschke. Doch die Frau betreibt mit der „Storkower Volksstimme“ noch eine Webseite. Da geht es um Nachbarschaftshilfe, um entlaufende Hunde, um Unterschriften für Bushaltestellen. Aber auch um Flüchtlinge. „Ich möchte, dass möglichst viele Storkower sich der Gefahr bewusst werden und sich wappnen, so gut sie können“, steht da. Oberflächlich gibt sie sich als besorgte Storkowerin, die nur warnen möchte. Doch in ihren Artikeln verknüpft sie lokale Gerüchte mit Meldungen über die Weltlage und suggeriert, dass Gewalt und Krieg mit den Flüchtenden einzieht. Wobei die Gerüchte eine wilde Mischung sind von angeblichen Vergewaltigungen, über die Zunahme von Klingelstreichen in der Nachbarschaft bis hin zu Kindern, die zu lange wach seien. Auf Facebook ruft sie dazu auf, Ansammlungen von mehr als drei „Migranten“ zu melden.

Im Vergleich zu den großen Ereignissen wirkt das alles sehr klein. Doch im Kleinen fängt es an. „Wo soll man eine Linie ziehen?“, fragt Pfarrerin Kierschke. Ein Protestfrühstück gegen den NPD-Aufmarsch in Storkow im Januar 2016 zu organisieren, das ist selbstverständlich, denn das sind die, die sich mit dumpfen Parolen und hassverzerrten Gesichtern vor den Wohnungen der Geflüchteten aufstellen. Mit normalen Gemeindemitgliedern reden, sich in den Predigten ihren Ängsten stellen, auch das ist klar. Doch wie sollte die Pfarrerin mit einer in der Gemeinde umgehen, die aktiv Gerüchte verbreitet und Zwietracht sät?

Kierschke hat sich ihre Schritte sehr genau überlegt, die Texte und Äußerungen der Frau genau studiert, bevor sie dem Gemeindekirchenrat alles darlegt und vorschlägt, die Frau zwar weiterhin im Chor mitsingen zu lassen, ihr aber die öffentlichen Auftritte des Chores zu verwehren: „In unserer Kirche soll sie, die Hass sät, nicht Gottes frohe Botschaft singen.“ Der Rat unterstützt ihren Vorschlag.

Darf eine Kirche das überhaupt? Ist das nicht ein Einschnitt in die freie Meinungsäußerung? Ist das nicht wie bei der Stasi? Diese Fragen erreichten die Pfarrerin. Friedemann Bringt von der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAGKR) sagt dazu: „Kirche ist nicht neutral. Kirche hat Werte und einen biblischen Auftrag. Das ist die Grundlage der Debatte, die auch über die Ängste der Mitglieder geführt werden muss. Aber ohne Hetze und falsche Gerüchte. Es braucht in den Kirchen vor Ort eine versachlichte Debatte, um diffusen Ängsten zu begegnen, ohne die Stimmen rechter Akteure.“

Und wieder überlegt Kierschke genau. Soll sie im Gemeindebrief Stellung zum Flüchtlingsthema in Storkow beziehen und ihre Sicht darlegen. Zum ersten Mal überhaupt. Doch ist das der richtige Weg? Würde sie ihre Mitglieder nicht überfordern, soll sie nicht lieber alles auf sich beruhen lassen? Doch sie gibt sich einen Ruck: „Ein Christ muss den Mund aufmachen, sollte irgendwo versucht werden, Hass und Hetze zu schüren!“ Und sie stellt sich den Gerüchten, die ihr immer wieder und auch in der Gemeinde begegnen: Flüchtlinge bekämen Handys umsonst und mehr Geld als Hartz IV-Empfänger. Flüchtlinge werden kriminell und die Polizei verschweigt es. Punkt für Punkt wiederlegt sie diese Behauptungen mit Fakten und Zahlen. Zum Schluss schreibt sie: „Gottesliebe – Selbstliebe – Nächstenliebe – Liebe – Gewaltverzicht – Hilfe in Not geratener Menschen – Vergebung – Friede. Das sind die Wurzeln christlicher Ethik und auch die Wurzeln, um in einer Gesellschaft friedlich miteinander zu leben.“

Autor: Karl Grünberg, erschienen im „Zeichen“ und in „Die Kirche“

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