Reporterreisen.com, Juni 2013

Liebe, Verrat und Freundschaft, was eine Wahrsagerin alles über meine Zukunft herausfindet. Zu Besuch im Café Engel, in dem sich Istanbuler aus der Tasse lesen lassen.

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Meine Zukunft schmeckt bitter, denke ich, als ich Schluck für Schluck den dicken türkischen Kaffee schlürfe. Auf der Zunge spüre ich den krümeligen Kaffeesatz, jene wertvollen Körnchen, in denen mein Schicksal stecken soll. In meinem Mund zieht sich alles zusammen, doch ich muss trinken, bis nur noch der Satz am Boden bleibt.

Kaffee Wahrsager AufmacherLangsam werde ich nervös. Als ich mich nach einer echten türkischen Wahrsagerstube erkundigte, war ich einfach nur neugierig. Ich dachte an eine heruntergekommene Bude mit Perlenvorhang, einer alten Frau, die mir allerlei Unsinn erzählt, während sie mich mit leuchtenden Augen anschaut und dann mit ihren beringten Finger meine Geldscheine greift. Aber die hier meinen das wirklich ernst. Kein abgeranztes Zimmer, sondern ein schickes Istanbuler Café. Kellner, die mit Smartphone und Headset Bestellungen entgegennehmen. An den Wänden hängen Bilderrahmen mit Zeitungsartikeln über das Café und Fotos der Wahrsager.

„Einen Kaffee, bitte“, sage ich. „Mit oder ohne Zukunft?“, fragt der Kellner. „Mit“, sage ich. „Das kann ein wenig dauern“, sagt er und zeigt auf die bis auf den letzten Platz besetzten Tische. „Heute sind nur 13 Wahrsager da, das werden circa 45 Minuten Wartezeit.“ 13 Wahrsager, denke ich, wenn das mal kein Omen ist. Das Interesse an der Zukunft scheint vor allem weiblich zu sein. Schulmädchen kichern an dem einen Tisch. Zwei um die 60-Jährige schauen ernst auf ihre umgedrehten Kaffeetassen. Eine Frau, um die 30, hat den Ehering auf ihre Tasse gelegt. Nur wenige Männer sind da, die schweigend auf ihr Schicksal warten. Einer wird von einem Kellner abgeholt. Seine Freunde klopfen ihm auf die Schulter. Er lässt den Kopf hängen, als ob er zu seiner Urteilsverkündung geht.

Wahrsager-KartenKaffeesatzlesen hat Tradition in der Türkei. In jeder Familie gibt es eine Tante oder einen Onkel, der es kann. Manche machen es augenzwinkernd und zur Unterhaltung, andere nehmen es sehr ernst. Ein türkischer Freund erzählte mir, dass er viele Leute kennt, die eine Art zweites Gesicht haben. Ein Onkel von ihm rufe ab und zu an, erkunde sich, ob alles gut sei und rate dann von Fahrten mit dem Auto an diesem Tag oder zu schnell getroffenen Entscheidungen ab. „Das Café gibt es seit 2000“, erzählt der Kellner. Es sei das erste seiner Art gewesen, heute gebe es davon über hundert in Istanbul, ein erfolgreiches Geschäftsmodell.

Aussuchen kann ich mir meinen Schicksalsbestimmer nicht, der nächste Freie ist meiner. Ich trinke meinen Kaffee bis auf den Satz, lege den Unterteller auf die Tasse, drehe sie um und beobachte, wie die braune Soße sich verteilt. Der Kellner kommt. Es ist Zeit für mich. Ich folge ihm zu einer Treppe in den Keller. Dort, in einem Schlauchgang sitzen sie. Die erste Wahrsagerin hat wildes lockiges Haar, die zweite sieht aus wie ein altes Mütterchen, der dritte ist ein Mann und so dick, dass er kaum auf den Stuhl passt. Weit hinten sitzt sie, meine Wahrsagerin. Mein Herz schlägt schneller. Sie ist Anfang 20, hat langes schwarzes Haar, trägt eine schwarze Lederjacke, einen schwarzen Rock, und schwarze Lederstiefel. Für ein paar Sekunden denke ich nicht ans Wahrsagen. Natürlich sind auch ihre Augen schwarz. Sie schaut in meine Kaffeetasse hinein, runzelt die Stirn, steht auf und geht. So schlimm? Doch sie ist gleich wieder da, mit einem Stapel Karten. Ich soll ein paar Karten ziehen. Meine Zukunft scheint schwieriger zu sein.

Wahrsager CafeAuf einmal sprudelt es aus ihr heraus. Ich sei gerade in einer Ausbildung: Stimmt. Im Laufe eines Jahres werde ich beruflich etwas anderes machen und zufrieden sein: Nein, hoffentlich nicht. Ich bin in einer Beziehung: Stimmt. Wir stehen kurz davor, dass es ernst wird, mit Kindern und allem drum und dran, aber in mir gibt es eine kleine freiheitsliebenden Flamme, die noch etwas brennen möchte: Stimmt. Ich werde mich entscheiden, sehr bald, und damit glücklich sein: Puh, Glück gehabt. Ein Freund wird sich von mir abwenden und mich verraten: Oh mein Gott, wer?

Ich ziehe Karten, sie schaut mir abwechselnd in die Augen und in meine Kaffeetasse. Ernst und sachlich wie eine Ärztin, die eine Diagnose gibt. Als sie fertig ist, verlasse ich benommen das Café. Vieles stimmte, anderes blieb im Vagen. Draußen vor dem Café Engel muss ich mich entscheiden, geht es rechts oder links weiter. Ich nehme die sonnige Straßenseite.

Text und Fotos: Karl Grünberg, erschienen im Juni 2013 auf www.reporterreisen.com/servus-bospurus

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