Greenpeacemagazin, September 2018

Kein Konsum, keine Karriere, kein „höher, schneller, weiter“. Lieber bauen Daniel und Sarah ihr eigenes Gemüse und Obst an, heizen ihr Häuschen mit Holz und reparieren ihre Sachen selber. So sparen sie wertvolle Ressourcen wie kaum jemand sonst. Ist so ein Leben überhaupt realistisch in Deutschland? Sie sagen: Was wir machen, kann jeder.

Am Rand des Städtchens Tharandt in Sachsen, oben auf einem Berg, am Ende einer schmalen Straße, haben sich zwei Menschen ihr Paradies erschaffen. Es ist wild, es ist klein, es gehört ihnen. Ihr Grundstück, ihr Häuschen, ihr Selbstversorgergarten, ihr Solarofen, ihr Solartunneltrockner, ihre Laufenten und ihre Bienen. Was den beiden aber am wichtigsten ist: Sie bestimmen über ihr Leben und es sind ihre eigenen Entscheidungen, die sie hier jeden Tag fällen und umsetzen.

Barfüßig gehen Daniel Becker und Sarah Mönke, beide 29 Jahre alt, durch ihren Garten. Seit neun Jahren leben sie hier, kennen jeden Tritt, jede Stufe und jede Pflanze. Auf den ersten Blick wächst alles wild durcheinander. Doch wer genauer hinschaut und den Erklärungen der beiden lauscht, lernt, dass hier nach den Prinzipien der Permakultur gearbeitet wird. Pflanzen, die einander guttun, die sich gegenseitig die Schädlinge vom Stängel halten, stehen nah beieinander. Jedes Jahr rücken die Pflanzenreihen um eine nach vorne, so wird der Boden unterschiedlich beansprucht. Und gegen die Nacktschnecken sind die Laufenten im Einsatz, die nebenbei das eine oder andere Sonntagsei abwerfen. Dort stehen die Tomaten, rot und saftig, gegen über die Kartoffeln. Zucchini, Auberginen, Zwiebeln und Kräuter. „Zehn Stunden pro Person pro Woche, so viel Arbeitszeit kostet uns der Garten“, hat Daniel ausgerechnet.

„Wir wollen ein gutes Leben führen“, sagt er. „Das heißt für uns“, ergänzt Sarah, „keinen Job zu machen, der uns aufreibt, sondern den Moment und die Einfachheit zu genießen. Freude daran zu haben, Kartoffeln zu ernten, nichts zu tun, den Vögeln zu lauschen.“ Ist etwas kaputt, reparieren sie es selbst. Wollen sie etwas wissen, lernen sie es. Nach Dresden fahren sie mit dem E-Bike, und geflogen wird sowieso nicht. Die beiden sehen sich als Teil der Postwachstumsbewegung, lehnen Konsum und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ab. Höher, schneller, weiter – da machen sie nicht mit.

Bekommen sie Besuch von der Welt da draußen, staunen die Gäste, sind ein bisschen neidisch, spüren die Ruhe und Entschleunigung des Ortes. Sarah und Daniel haben es einfach getan, haben sich aus dem System genommen, so weit das in Deutschland möglich ist. „Wir erleben hier eine Selbstwirksamkeit, für die man erst einmal Zeit haben muss. Der Bau des Solarofens, das Gärtnern, das Imkern, all das haben wir uns selber beigebracht, weil wir es wollten“, sagen sie unisono. Klar läuft nicht immer alles rund: Im Winter ist es bitterkalt, wenn sie nicht heizen. Auch das Gemüse will angebaut, gegossen, gepflegt und gehegt werden. „Selbstversorgung heißt eben auch, selber den Arsch hochkriegen“, sagt Daniel. Der Tag gebe sich nicht von allein eine Struktur.

Ganz ohne Barmittel geht es aber auch bei ihnen nicht. Rund 12.000 Euro brauchen sie im Jahr für Krankenkasse und täglichen Bedarf wie Kleidung und bestimmte Lebensmittel. Das Geld verdienen sie sich, indem sie Bienenwachskerzen für den Weihnachtsverkauf ziehen und Seminare und Workshops mit ihrem Wissen anbieten. Als studierte Forstwissenschaftler bekommen sie zusätzlich etwas Geld für das Kartieren von Wäldern. Damit sie so frei und unabhängig wie möglich leben können, versuchen sie immer für ein Jahr im Voraus zu arbeiten, so dass zum Jahresbeginn genug auf der hohen Kante liegt.

Auch wenn sie immer wieder bestaunt werden für das, was sie tun, so besonders finden sie es gar nicht. Sie sind ja keine Dogmatiker, die wie im Mittelalter leben wollen. Sie haben Solarzellen auf dem Dach, sie haben ein Laptop und Internet. Vergleicht man die beiden mit einem normalen Haushalt, verbrauchen sie rund 75 Prozent weniger an Energie. Ihre wichtigste Botschaft ist aber: Jeder kann so reduziert leben wie sie, man muss es nur wollen. Wege finden sich dann.

Text: Karl Grünberg, erschienen im Greenpeacemagazin 6/2018