Motormagazin, 2020

Dirk Kögler (52) ist groß, ein Riese. Seine Hände ähneln den Schaufeln eines Baggers. Doch seine Augen sind weich. Willkommen bei einem der letzten Kohlehändler Berlins. Ein Job wie kein anderer: dreckig, staubig und verdammt schwer. „Aber ehrlich“, sagt er.

Kinder wollen Polizisten oder Raumfahrer werden. Sie wollten Kohlehändler werden. Warum?

Das Kohlegeschäft ist eine Plackerei, furchtbar staubig und dreckig. Aber ich bin damit groß geworden. Wir haben die Kohle im Blut. Meine Familie macht seit vier Generationen in Kohle. Außerdem ist es echte Männerarbeit. Da schafft man was. Da kann man stolz drauf sein.

Seit wann genau gibt es Ihre Familien-Kohle- Dynastie?

Seit 1908. Mit meinem Urgroßvater hat es angefangen. Der hatte zwei Trecker und jede Menge Anhänger, damit hat er die Kohle vom Güterbahnhof zu den kleinen Kohlehändlern gebracht. „Kohle abfahren“, so nannte man das damals. Mein Großvater hat seine eigene Kohlehandlung gehabt, hier im Kiez, in Kreuzberg. Überhaupt sind wir alle Kreuzberger. Hier geboren, hier gearbeitet und alle hier gestorben. Nur ich stehe noch, und das nach stolzen 35 Jahren Kohle-schleppen. Nicht einmal Rückenschmerzen habe ich. Auch meine Gelenke machen noch mit.

Heute gibt es noch eine Handvoll Kohlehändler, früher gab es mehr als 800 in Berlin. Was waren das für Zeiten?

Als ich noch ein Kind war, brauchte man die Kohle im Ofen wie das Mehl zum Brotbacken. Sonst blieb die Bude kalt. Was glauben Sie, was hier los war. Die Leute standen bis rauf zum Fleischer an, um ihre Bestellungen abzugeben. Wir haben aber auch Krankenhäuser, Schulen und Kinos beliefert. Ich erinnere mich an ein Krankenhaus, das brauchte 13 Tonnen Kohle pro Schicht. Da fuhren wir täglich vor. Die hatten allein fünf Heizer, die nichts anderes machten, als die Öfen zu befeuern. Und icke war eben der Junge vom Kohlefritzen. Meine Familie und mich kannte hier im Karree jeder.

Das bedeutet, dass Sie als Kind schon mit angepackt haben?

Klaro. Mein Großvater hat mich in unserem Lkw, einem Mercedes 1113, überallhin mitgenommen. Das war ein tolles Gefühl. Zwischen den Jungs eingeklemmt, die so stark wie breit waren. Dann ab auf den Güterbahnhof und während die Jungs den Anhänger vollgepackt haben, bin ich zwischen den Kohlebergen rumgeflitzt. Wenn wir alte Damen beliefert haben, gab’s Kuchen und manchmal sogar ein Mittagessen. Das war sagenhaft. Als ich 14 war, habe ich nach der Schule selbst Kohle ausgeliefert. Zwei, drei, vier Zentner auf den Handkarren und dann ab.

Wie viel haben Sie damals dazuverdient?

75 Pfennig pro Zentner, wenn ich in den Keller geliefert habe. Nach oben in die Wohnung ist’s aber besser, da gibt es extra Treppengeld. Pro Etage und Zentner weitere 50 Pfennig. Auch heute wird noch nach Trageleistung bezahlt. Akkord also. Pro Treppe und Zentner 1,30 Euro.

Bis Sie dann ganz ins Geschäft eingestiegen sind?

Ich hatte gerade meine Lehre als Speditionskaufmann gemacht. Dann kam die Wende. Der ganze Osten hat ja noch mit Kohle geheizt. Das war ein echter Boom. Meine Familie brauchte mich. Doch schon fünf Jahre später war der Ofen wieder aus. Haus für Haus war saniert worden und damit kamen auch die Öfen aus den Wohnungen. Heute gibt es vielleicht noch 40.000 bis 50.000 Öfen in der Stadt. Ein Klacks im Vergleich zu damals.

Was bedeutet das für Sie?

Im Herbst und Winter haben meine Jungs und ich gut zu tun. Im Frühling und Sommer satteln wir um und liefern für eine Baumschule aus.

Wenn einer hart arbeitet, dann Sie. Wie schaffen Sie das?

Man muss es wollen. Man muss sich quälen können. Muss sich überwinden können. Dann geht es auch. Das ist alles Kopfsache. Wenn es ganz hart wird, das zehnte Mal in den fünften Stock, denke ich einfach an etwas anderes.

Und der alte Mercedes?

Den gibt es immer noch. Ist ja unverwüstlich. Wenn wir damit vorgefahren kommen, guckt die ganze Straße.  

Von: Karl Grünberg, erschienen im Motormagazin, 2020