Max Joseph Magazin, Oktober 2017

Ein Star-Visagist aus Berlin zeigt Menschen, deren Gesichter durch Unfälle oder Erkrankungen schwer gezeichnet sind, wie sie ihre Wunden verbergen können. So heilen manchmal auch die seelischen Verletzungen. Eine Reportage von Karl Grünberg.

Mal sind sie tiefrot, mal bläulich, weißfleckig oder transparent. Mal fühlen sie sich weich an, mal hart, sind vernarbt oder rissig. Sie stammen von Unfällen, von Verbrechen oder aus dem Krieg, wurden verursacht durch Flammen, Metallsplitter, Explosionen. Andere sind angeboren und wieder andere durch Krankheiten entstanden. Wunden, Narben, Male, kleine oder große, unscheinbare oder auffällige. Am hervorstechendsten aber sind jene, die das Gesicht zeichnen und damit die Menschen, die sie tragen. Auch Annett Burgkhardt musste lernen, mit dieser lebenslangen Zeichnung umzugehen. Sie war 19, gerade fertig geworden mit ihrer Friseurausbildung, bereit ins Leben zu springen, da verbrannte ihr Gesicht. Ein schöner und unbeschwerter Nachmittag, ein Grill, plötzlich eine Stichflamme. Danach war nichts mehr wie zuvor. René Koch hat so viele Wunden gesehen, dass sie für ihn inzwischen völlig normal geworden sind. Kein Anblick mehr, der ihn erschreckt. Zu ihm kommen Menschen mit Verbrennungen und Narben. Er hilft und zeigt ihnen, wie sie ihre Wunden verstecken und verbergen können. So kann er sie schützen.

Vor den Blicken der anderen, vor den „Starrenden”, wie er sie nennt.  Selber weiß René Koch sehr gut, was dem Auge schmeichelt. Er ist Visagist, seit den 1970er-Jahren im Beruf, seine Kunden sind vor allem Prominente. Ob Hildegard Knef oder Claudia Schiffer – schon lange sorgt er dafür, dass die Stars perfekt aussehen und sich Publikum und Kameras an ihren Gesichtern nicht sattsehen können. Außerdem schreibt er Bücher, tritt im Fernsehen auf, hat eine eigene Kosmetikmarke und ein privates Lippenstiftmuseum gegründet.

Wie kommt jemand wie René Koch, ein Schönheitsexperte, zu Menschen, die durch Unglücke gezeichnet wurden? Das war ein Prozess. Je berühmter die Menschen waren, mit denen er arbeitete, umso häufiger stand er selber im Rampenlicht. Mitte der 1990er-Jahre war das. Plötzlich erreichten ihn nicht mehr nur die Anfragen der Schauspielerinnen und Models, auf einmal wandten sich auch Ärzte an ihn: „Herr Koch, ich habe da jemanden, dessen Gesicht nach einem Unfall zur Hälfte vernarbt ist. Der traut sich nicht mehr auf die Straße. Sie sind doch Experte. Das muss man doch wegschminken können.“ „Schicken Sie ihn vorbei“, antwortete René Koch. Schnell sprach es sich herum, dass es da einen gab, der weiterhelfen konnte. Doch auch für den Star-Visagisten war es etwas komplett Neues: „Erst hatte auch ich Berührungsängste, doch je mehr Versehrte ich traf und behandelte, umso mehr verloren sie für mich das Fremde, das andere, das, was auch mir unterbewusst Angst gemacht hatte. Heute sehe ich sie wie alle anderen auch.“ Gleichzeitig hatte René Koch als Visagist alles erreicht, was man erreichen konnte. Er spürte, dass es Zeit für eine Veränderung war. Er wollte sich mit seinem Können nun nicht mehr nur den Stars widmen, sondern auch denen, die seine Hilfe wirklich brauchten.

So gründeten René Koch und Dr. Johannes Bruck, der damalige Chefarzt am Berliner Urban-Krankenhaus, eine Beratungsstelle, die heute „Arbeitskreis Camouflage“ heißt. Am Anfang ging es vor allem darum, den Betroffenen zu zeigen, sich so zu schminken und damit so zu tarnen, dass sie wieder am alltäglichen Leben teilnehmen können. Heute ist der Arbeitskreis auch in anderen Belangen eine wichtige Anlaufstelle geworden. Hier werden die Hilfesuchenden zum Beispiel dabei unterstützt, die Kostenerstattungen für diese Tarnung bei Krankenkassen durchzuboxen oder gegen Arbeitgeber vorzugehen, die wegen einer auffälligen Gesichtsverletzung die Kündigung schicken. Die Menschen werden auch an Selbsthilfegruppen weitervermittelt. René Koch selbst setzt sich in Interviews und TV-Auftritten für mehr Akzeptanz der Betroffenen in der Öffentlichkeit ein. Außerdem berät er andere Visagisten und Kosmetiker, wie auch sie Camouflage-Makeup zur Wundentarnung einsetzen können.

Will man den heute 72-Jährigen an seiner Wirkungsstätte aufsuchen, führt der Weg in einen Berliner Altbau im bürgerlichen Bezirk Schöneberg. Hier lebt er, hier arbeitet er. Haustür auf, vorbei an dem uralten Fahrstuhl, die knarrenden Stufen hinauf, in den ersten Stock. Da steht er schon, lächelt und drückt einem die Hand, kurz aber fest. Man fühlt sich gleich willkommen. Das ist wichtig. Diesen Weg und diese Stufen ist damals auch die junge Annett Burgkhardt gegangen, wie vor und nach ihr viele hundert Menschen, junge und alte. Ängstlich und doch hoffend, dass da jemand ist, der ihr Leid und auch ihren Hass etwas lindern kann.

„Ich war so jung, es ging doch alles erst los und plötzlich wurde ich mitten aus meinem Leben gerissen”, erinnert sich die 45-jährige Annett Burgkhardt. Das ganze Ausmaß des Unfalls offenbarte sich ihr erst nach und nach. Zuerst das Offensichtliche: ihr Aussehen. Die Wunde heilte zwar, doch die Haut blieb vernarbt und rot. Wenn sie vor die Tür trat, verfolgten sie die Blicke. „Manchmal wollte ich mir ein Schild um den Hals hängen, auf dem stand, was mir passiert ist und warum ich aussehe, wie ich aussehe“, sagt sie. Ständig wurde sie angestarrt – mitleidig, aber auch angeekelt oder unverhohlen fasziniert.

Jeder Blick stach wie ein Messer. Jeder Blick signalisierte ihr: Du bist nicht normal, du bist entstellt, du bist anders. So war ihre Wunde, auch als sie schon längst verheilt war, zu ihrer verletzlichen Stelle geworden. Unerträglich schön, unbeschwert und lebendig, so empfand Annett Burgkhardt ihre Freunde, ihre Kollegen im Friseursalon, ja eigentlich alle Menschen in ihrem Alter – im Gegensatz zu sich selbst. „Ich hatte einen regelrechten Hass auf schöne Menschen entwickelt, auf schöne Mädchen, die einfach und frei ausgehen konnten, in die Disko, ins Freibad“, sagt sie heute in Erinnerung an ihr früheres Ich. Damals, vor über 25 Jahren, waren mit ihrer Haut auch ihr Selbstwertgefühl, ihre Stärke und ihre Sicherheit mitverbrannt. Der Unfall machte sie arbeitsunfähig. Ihren Beruf als Friseurin konnte sie wegen der Schwere ihrer Verbrennungen nicht mehr ausüben. Seitdem bezieht sie eine kleine Rente.

Da stand er also, René Koch, die Tür schon geöffnet, und schaute ihr entgegen. Ein kurzer, fester Händedruck, ein freundliches Lächeln, keine Scheu, kein Erschrecken in seinen Augen. Er führte sie in seine Wohnung, den langen, hell erleuchteten Gang entlang, zeigte ihr sein großes Kosmetikstudio, das er hier eingerichtet hat: all die Spiegel und Leuchten und Pasten und Lippenstifte und Puder. Dann setzten sie sich und redeten. „Dieses erste Gespräch ist sehr wichtig“, erklärt René Koch, denn dabei erfahre er etwas über die Wunde hinter der Wunde, die eine außen und sichtbar, die andere innerlich und verborgen. Er will wissen, wie es genau passiert ist und welche Reaktionen und Konsequenzen die Verletzten bisher erfahren haben. Da ist der Kellner in einem Luxushotel, der nun für das Hotel nicht mehr tragbar war. Da ist der Ehepartner, der das neue Äußere der Ehefrau nicht aushält, dem das einst Vertraute abhandenkam. „Sie verlieren ihre Arbeit, ihre Liebe, Freunde oder auch nur ihre Joggingkollegen“, sagt René Koch. Denn plötzlich sind die Verletzten fremd geworden, anders als die anderen. Das Fremde macht vielen Angst, auch in einer Zeit, in der die Menschen alles zeigen und sichtbar machen. Doch man muss genau hinschauen. In den sozialen Medien teilen die meisten nur ihr inszeniertes und schönes Wunsch- Ich. Für verletztes und anderes Aussehen gibt es kaum Zuspruch.

René Koch muss gut zuhören, auf die Feinheiten und Zwischentöne achten. Die Scheu verletzter Menschen ist groß. Deswegen muss er die Männer und Frauen auch berühren, mit dem Finger über ihr Gesicht fahren, die Narben und die Haut spüren. „Dadurch stelle ich die notwendige Nähe her“, sagt er. Und so signalisiert er, dass er keine Scheu und keine Berührungsängste hat. Er berührt sie dort, wo sie vielleicht noch nie von jemand anderem angefasst wurden. Das ist häufig ein besonderer Moment. Manche weinen danach. Erst dann beginnt die eigentliche Arbeit: die Suche nach der richtigen Tarnung. Welcher Puder, welches Makeup passt zu welchem Hauttyp und zu welcher Hautfarbe. Hier gilt das Prinzip der Komplementärfarben: Ist die Haut rötlich, braucht er zum Ausgleich etwas Grünes. Ist sie bläulich, benötigt es etwas Oranges. Außerdem muss das Make-up standhalten, einen ganzen Tag lang, inklusive Schweißausbrüchen oder Schwimmbadbesuchen. Am Ende ist es ein kompliziertes System aus drei bis vier Schichten, gesichert durch Fixierpuder oder Spray. Sind die richtigen Zutaten gefunden, zeigt René Koch, wie sich die Verletzten selber schminken können. Das dauert. Fünf, sechs Sitzungen, bis sie die Handgriffe gelernt haben. All das macht er ehrenamtlich neben seiner eigentlichen Arbeit.

Eine morgendliche Stunde braucht Annett Burgkhardt für ihre tägliche Tarnung. Schicht für Schicht verdeckt sie ihre Narben. Doch es ist eine Zeit, die sich für sie lohnt. Denn dadurch kehrte nach und nach ihr Selbstbewusstsein zurück, und ihr Hass schwand. Sie begann wieder auszugehen, sich mit Freunden zu treffen und am Leben teilzunehmen. Auch lernte sie einen Partner kennen und gründete eine Familie. Außerdem engagiert sie sich in einem Verein, der Verbrennungsopfern hilft. Schaut sie heute in den Spiegel, sieht sie nicht Annett, die Verbrannte, sondern eine Frau, die einiges bewegt hat, die glücklich und zufrieden ist. Was damals für sie eine Katastrophe war, gehört nun zu ihrem Leben. Durch den Unfall ist sie erst zu der geworden, die sie heute ist. Eine Entwicklung, die Zeit und Tarnung brauchte. Eine Entwicklung, die man auch daran erkennt, wie sie heute über ihre Narbe spricht: „Wunderschön ist sie geworden, gar kein Vergleich zu früher“.

Von: Karl Grünberg, freier Journalist in Berlin. Er schreibt Reportagen für u.a. den Tagesspiegel. 2016 wurde er u.a. mit dem DRK-Medienpreis ausgezeichnet.

Der Text erschien im: Max Joseph Magazin – Bayerisches Staatstheater, Nr. 1/2017-18.