Berliner Morgenpost, April 2016

Ruhig ist er, die Konzentration im Gesicht. Langsam läuft er auf und ab, dehnt sich, streckt sich. In diesem Moment scheint er in sich zu ruhen, scheint noch einmal alle seine Kräfte zu sammeln.

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Sportsenator Henkel gibt den Startschuss für die Läufer des Berliner Halbmarathon

Richard Mengich, 27 Jahre, aus Kenia, steht mit den anderen Topläufern im Startbereich an der Karl-Marx-Allee. Gleich soll es losgehen, die gut 21 Kilometer entlang der breiten Berliner Straßen, vorbei an den mehr als 250.000 Fans, die jubeln, anfeuern und Plakate schwenken, einmal zum Kurfürstendamm und zurück.

Richard Mengich weiß, dass es ein schwieriges Rennen wird, dass seine stärksten Konkurrenten alle unter einer Stunde laufen, dass sie alle gewinnen wollen. Er weiß auch, dass er vor einem Jahr noch verletzt war. Doch er spürt, dass er an diesem Tag in Topform ist. Dieser Tag, der auch sein Geburtstag ist.

Eine Welle geht durch die wogende Masse der Läufer. Der Startschuss fällt. Die Läufer schnellen nach vorne, drücken noch ihre Stopuhren an den Handgelenken und rennen los. Mengich reiht sich im Vorderfeld ein. Er läuft und läuft, vorbei am Fernsehturm, auf den Kurfürstendamm. Die Sonne scheint stärker, es wird wärmer, das Rennen schwieriger.

Endlich kommt etwas Wind auf. Das gibt ihm neuen Ansporn. Das muss der Moment gewesen, als er nach hinten schaut: „Da war keiner mehr. Ich war ganz alleine“, sagt er auf der Pressekonferenz nachdem Rennen. Denn in dem Moment, als er realisierte, dass er alleine war, ganz vorne, nur wenige Kilometer vor dem Ziel, da wusste er: „Jetzt muss ich mein Bestes geben.“ Vielleicht würde er seinen eigenen Rekord brechen, den er vor einem Jahr mit 59:59 Minuten beim Berliner Halbmarathon lief. Überhaupt kennt er die Berliner Strecke sehr gut, drei Mal ist er sie schon gelaufen. 2013 wurde er Achter, 2014 Dritter und 2015 Vierter.

Richard Mengich läuft am Roten Rathaus vorbei, biegt in die Zielgerade, alles jubelt, alles feuert ihn an, er dreht sich noch einmal um. Kann es denn sein? Keiner da, keiner hinter ihn, nur noch er und das Ziel? Er gibt noch einmal alles.

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Siegerehrung nach 21 Kilometern beim Berliner Halbmarathon

Auf der Stoppuhr über dem Ziel läuft die Zeit: 59:40. Er muss es schaffen. Noch kann er seine eigene Bestzeit knacken. Die Stimme des Moderators überschlägt sich. „Da kommt Richard Mengich.“ Die Sekunden verrinnen. 59:50. Fotoapparate klicken, Kameras filmen. 59:55. Richard Mengich zieht noch einmal an. Dann wirft er sich nach vorne. Die Arme nach oben. Das Lachen im Gesicht. Erleichterung. Er hatte es geschafft. Er war nicht nur das erste Mal Erster beim Berliner Halbmarathon. Er hat auch seine Bestzeit um eine Sekunde unterboten. 59:58. Als einziger Läufer blieb er unter einer Stunde.

„Ich bin glücklich.“ Ein besseres Geburtstagsgeschenk konnte es für ihn nicht geben.

Von: Karl Grünberg

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