Zeichen, April 2015

Ein Junge überlebt Auschwitz und wird Richter für Menschenrechte. Die Geschichte von Thomas Buergenthal.

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Thomas Buergenthal war ein glücklicher Vater und seine Kinder verlebten eine glückliche Kindheit, denn sie hatten alles, was Kinder brauchen. Eltern, die sie liebten. Eine Schule, in der sie lernten. Spielzeug, mit dem sie spielten. Immer genug zu essen sowieso.

Zum Frühstück gab es Brote mit Erdnussbutter und ein Glas Milch. Oft tranken sie die Milch in einem Zug aus. Manchmal aber ließen sie das Glas halb voll stehen. Das machte Thomas Buergenthal froh, manchmal ärgerte es ihn auch. Froh, weil seine Kinder nicht hungern mussten. Ärgerlich, weil Milch für ihn etwas Besonderes war.

Aber wie hätten seine Kinder verstehen können, wie es war, drei Jahre keinen einzigen Schluck Milch zu trinken? Wie es war, durch ein Fenster in die Küche der SS-Mannschaften zu klettern und aus dem Topf einen Rest Milch zu klauen?

„Köstlich, diesen Geschmack werde ich nie vergessen“, sagt Thomas Buergenthal über diese Tropfen, die er unter Lebensgefahr erbeutet hatte und die für eine Kindheit stehen, in der es nur um das Überleben ging. „Der Holocaust hat mich geformt. Er ist mit mir gewesen, mein ganzes Leben lang“, sagt der 80-Jährige heute.

Ihm brannten sie die Nummer 2930 auf den Arm, sein Vater bekam die Nummer 2931. Doch sein Vater überlebte nicht, dabei war er es doch, der dem Sohn alles über das Überleben beibrachte. Die SS beobachten, ihnen nicht in die Augen schauen, ihnen kein Wort glauben, Lücken im System suchen. „Es ist ein Spiel, das du gewinnen musst“, erklärte der Vater dem Sohn.

Thomas Buergenthal gewann, oft nur knapp, oft durch schieres Glück und manchmal mit der Hilfe von Anderen. Im Alter von zwölf Jahren, nachdem er gegen das jüdische Ghetto Kielce, gegen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, gegen einen Todesmarsch und gegen Sachsenhausen gewonnen hatte, war er frei. Es ist eine beeindruckende Geschichte, die er in seinem Buch „Ein Glückskind“ niederschreibt.

Wie konnten die Mörder tagsüber ihrer blutigen Arbeit nachgehen und abends am Tisch der Familie sitzen? Was haben sie sich dabei gedacht? Thomas Buergenthal hörte nicht auf, sich diese Fragen zu stellen. Er ging in die USA, studierte Jura und wurde ein Kämpfer für die Menschenrechte. Er untersuchte für die UN Menschenrechtsverbrechen in El Salvador, diente am Interamerikanischen Menschenrechtsgericht und war zuletzt Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Eine Antwort auf seine Fragen hat er nicht gefunden. Er weiß nur, dass er nicht aufhören darf zu fragen. „Das ist als Überlebender meine Pflicht“, sagt er.

Ob in El Salvador oder in Bosnien, immer wieder trifft er auf die gleichen Ausflüchte der Täter_innen. „Sie sprachen davon, dass sie auf Befehl handelten“, erinnert er sich. Sie redeten von Fehlern, als ob sie eine technische Panne meinten. „Aber nie sagte einer: Es tut mir schrecklich leid, was ich getan habe.“

Es gab eine Zeit, kurz nach 1945, da glaubten die Leute einem nicht, wenn man von den Grausamkeiten der Konzentrationslager erzählte. Weil sie es sich einfach nicht vorstellen konnten. Auch Thomas Buergenthal musste diese Erfahrung machen, nicht als Opfer, sondern als Richter.

Wenn Zeugen über Massaker und Misshandlungen aussagten, mussten die anderen Richter sich immer wieder fragen, ob das stimmen kann. Thomas Buergenthal wusste instinktiv und aus eigener Erfahrung, ob jemand die Wahrheit sagte. Er hatte es selber erlebt. „So erschreckend die Grausamkeiten sind, es sind immer Wiederholungen des schon Geschehenen.“

Manchmal zweifelt Thomas Buergenthal, dann denkt er, dass die Menschheit nie lernen wird. Doch eigentlich ist er ein Optimist wie sein Vater, der immer sicher war, dass Hitler den Krieg verlieren würde. „Es geht langsam voran, doch die Welt heute ist besser gewappnet als in den 1930er-Jahren.“

Professor Dr. Thomas Bürgenthal, geboren am 11. Mai 1934 in der damaligen Tschechoslowakei, Überlebender des Holocaust und ehemaliger Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, Autor des Buches: Ein Glückskind.

Von: Karl Grünberg, erschienen im zeichen 1/2015

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