Ich bin ein Weinignorant. Ob rot oder weiß, ob süß, trocken oder staubtrocken – mir egal. Doch auf einem Hang, zwischen zwei Reben, im Gespräch mit einem Hobby-Winzer, offenbart sich mir die Welt des Weines.

Frisch geschnittene Trauben, Foto: Lena Schnabl

Heimlich stecke ich mir eine Weinbeere in den Mund. Kurzer Blick nach rechts, nach links, keiner hat mich gesehen. Während ich weiter die Weintrauben von den Reben schneide und so tue, als ob nichts geschehen wäre, lasse ich meine Zunge über die glatte Oberfläche der Beere in meinem Mund gleiten. Dann presse ich sie gegen meinen Gaumen, spüre wie die Frucht aufplatzt und sich der Geschmack in meinem Mund ausbreitet: süß und fruchtig. Hastig stecke ich mir weitere Trauben in den Mund bis nichts mehr reingeht. Der süße Saft läuft mir aus den Mundwinkeln über das Kinn, meine Finger sind klebrig und rot.

In langen Reihen ziehen sich die Weinstöcke über den Hang. Die Sonne scheint, es ist Anfang Oktober und für viele Tübinger Hobby-Winzer ist jetzt Erntezeit.  Einer jener, der in seiner Freizeit auf den steilen Bergen herum kraxelt und sich um das Wohlbefinden seiner Weinstöcke kümmert, ist Gerhard Steinhilper. Der 69-Jährige trägt wildgraues Haar, einen zerzausten Bart und eine goldrunde Brille auf einer leicht geröteten Nase. Seinen Pullover hat er linksrum angezogen und seine Füße stecken in schweren Arbeitsschuhen. Der Notar im Ruhestand teilt sich mit drei Freunden einen Hang auf dem Hirschauer Berg mit einer Größe von circa 1000 Quadratmetern, 400 bis 500 Weinstöcken und einer jährlichen Ernte von 80 Litern Weißwein und 400 bis 500 Litern Rotwein. Zur Weinlese trommelt Steinhilper Freunde und Bekannte zusammen. Nur durch Zufall bin ich auch in die Reihe derjenigen geraten, die von ihm eine rote Schere und einen Eimer in die Hand gedrückt bekommen. „Rot und reif, so müssen sie sein. Wenn du aber eine kleine Grüne siehst oder eine Verschrumpelte, die aussieht wie eine Rosine, dann musst du die rausschneiden. Die machen den Wein ungenießbar“, erklärt mir der Hobby-Winzer. „Aber keine essen, die brauche ich alle“,  fügt er nur halb im Spaß noch an.

Erntehelferinnen inspizieren die Qualität der Trauben

Das ist eine einmalige Gelegenheit für einen Berliner aus dem Norden. Mein Kontakt mit Wein beschränkt sich auf die gelegentlichen Ausflüge in das Weinregal meines Supermarktes und der Frage, ob es diesmal ein Merlot oder doch lieber ein Bardolino werden soll. Meine Fähigkeiten in der Beurteilung der Qualität eines Weines liegen bei: „Äh, der ist aber süß“ oder „Mmh, trocken, aber nicht zu trocken.“ Und jetzt das: Ich stehe zwischen Weinstockreihen, schneide eine Traube nach der anderen vom Stock. Es weht ein kräftiger Wind, die Sonne scheint und wärmt meine Haut, über mir jagen die Wolken dahin und unter meinen Wanderstiefeln benetzt der rote Saft der zertrampelten aussortierten Beeren die Grashalme. Meine Finger gleiten die alten, knorrigen Reben entlang, fahren über die Stummel abgeschnittener Triebe  und bleiben an dem Metalldraht hängen, an dem sich die Weinpflanzen entlang ranken.

Hobby-Winzer, Foto: Lena Schnabl

Das muss eine Menge Arbeit für ein Hobby sein, denke ich noch, während ich den Erklärungen von Steinhilper lausche, der sich neben mir langsam durch die Reihen arbeitet: „Seit drei Jahren machen wir das. Bis jetzt hat es Spaß gemacht, aber diese Saison hat die Arbeit überhand genommen.“ Der Sommer war verregnet und der Hobby-Winzer musste viel spritzen gegen Befall und Parasiten. „Ich hätte nicht gedacht, wie viel Aufwand das werden kann. Mehrere Tage in der Woche bin ich auf dem Berg“, sagt der 69-Jährige, während er mit sicheren Bewegungen und viel schneller als ich, eine Traube nach der anderen abschneidet. Jede Traube wiegt er kurz in der Hand, prüft Farbe und Gewicht. „Ein bisschen ist es so, als ob ich Kinder großziehen würde. Ich bin von Anfang bis zum Ende dabei und wenn der Wein dann auch noch gelungen ist, dann ist das ein ganz erhebendes Gefühl. Meine Arbeit hat sich in Freude umgewandelt.“

Text: Karl Grünberg

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